• Interview zum Humboldt Forum: „Das Humboldt Forum ist Katalysator für brennende Themen"

„Das Haus soll zu einer Bühne für alle in Berlin werden.“

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Interview zum Humboldt Forum : „Das Humboldt Forum ist Katalysator für brennende Themen"
Rüdiger Schaper
Schlossherren. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (l.) und Hartmut Dorgerloh, Chef des Humboldt Forums.
Schlossherren. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (l.) und Hartmut Dorgerloh, Chef des Humboldt...Foto: Thilo Rückeis

Und das regelt jetzt alles der neue und sehr dicke Kooperationsvertrag?

DORGERLOH: Es ist unser Anspruch, da gar nicht hineinzuschauen. Hermann Parzinger hat die anderen beiden Akteure genannt. Dazu kommt die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die für den Betrieb des Hauses verantwortlich und in der mein Job als Generalintendant angesiedelt ist. Meine Rolle ist es, dieses Konzert der vier Partner zu organisieren. Darüber hinaus arbeiten wir mit anderen Institutionen wie etwa dem Botanischen Garten, der Akademie der Wissenschaften und dem Naturkundemuseum zusammen. Es gibt auch Pläne, mit der Berlinale oder dem Deutschen Historischen Museum etwas zu machen.

Sie wollen ein eigenständiges Programm aufbauen. Wie wird das aussehen?

DORGERLOH: Eine große Rolle wird die darstellende Kunst spielen, wir können eine Bühne sein für Tanz, Musik oder Film. Vom antiken Theater bis zum Schattenspiel hat das Performative eine große, weltweite Bedeutung, das wollen wir aufzeigen. Dann verstehen wir uns als Verstärker für andere Aktivitäten in der Stadt. Auch an anderen Orten werden wir Programme zeigen, in Berlin, in Deutschland, in der Welt. Zum Beispiel soll eine der ersten Wechselausstellungen später auch in Daressalam zu sehen sein. Dabei geht es unter anderem um den Maji-Maji-Krieg, also den Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Das Konzept entwickeln Kuratorinnen und Kuratoren aus Tansania und Deutschland gemeinsam.

In Berlin gibt es die Befürchtung, das große neue Humboldt Forum wolle alle anderen dominieren.

PARZINGER: Trotz der ungeahnten Möglichkeiten des Humboldt Forums gibt es dazu keinen Anlass. In Berlin machen das Haus der Kulturen der Welt, das HAU, die Berliner Festspiele oder das Gorki Theater tolle internationale Programme. Da wird das Humboldt Forum erst noch seine Rolle und sein eigenes Profil finden müssen. Ich sehe die spannende Herausforderung darin, es nicht zu einem neuen Konkurrenten, sondern zu einer Plattform für Kooperationen zu machen, zu einer Bühne für alle in Berlin.

Man hört, dass Sie mit einer Ausstellung über Elfenbein eröffnen wollen?

DORGERLOH: Das ist nur eine von vielen Ideen. Im Rahmen des Eröffnungsprogramms werden wir mehrere Ausstellungen zeigen, auch Sonderausstellungen im Erdgeschoss und Wechselausstellungen in den beiden oberen Etagen, zu sehr unterschiedlichen Themen. Uns interessieren dabei vor allem anthropologische und aktuelle Fragen. Wie hängen die Dinge zusammen, wie sind beispielsweise Ökologie, Tierschutz, Kolonialismus, globaler Handel und Kunstproduktion verbunden. Solche Themen werden Vorrang haben. Geschichten also, die für uns heute aus der historischen Verbindung heraus relevant sind – in einer immer mehr fragmentierten Welt, die zugleich immer mehr zusammenhängt und in der die Abhängigkeiten immer deutlicher werden. Da wollen wir Angebote zur Orientierung geben.

PARZINGER: Menschen aus aller Welt leben hier und werden hier bleiben. Unsere Gesellschaft wird ethnisch, kulturell und religiös immer vielfältiger. Ich bleibe dabei: Gerade in Zeiten des Populismus müssen wir das auch als Chance begreifen, denn nur mehr Wissen über andere führt zu mehr Toleranz und Respekt. Die Geschichte Europas ist eine einzige Geschichte der Migration.

Die aktuelle Archäologie-Ausstellung im Gropius Bau, „Bewegte Zeiten“, erfüllt genau diese Anforderung. Das Humboldt Forum ist bei diesen Themen nicht allein und auch nicht der Erste.

PARZINGER: Die ältesten Ackerbauern kamen quasi auf der Balkan-Route von Anatolien nach Mitteleuropa, wie jüngste wissenschaftliche DNA-Untersuchungen zeigen. Dem Phänotyp nach waren es dunkelhäutige Menschen. Solche Geschichten müssen Museen erzählen! Unsere Museen reagieren aber auch auf die Migrationen von heute: Bei der „Multaka“-Initiative werden geflüchtete Menschen aus dem Nahen Osten zu Museumsführern ausgebildet, aber nicht nur für das Museum für Islamische Kunst, sondern auch im Bode-Museum. Ich habe einen Traum, dass nämlich ein Flüchtling aus Syrien eines Tages einem Berliner eine Riemenschneider-Skulptur erklärt!

Wie und wo werden die Brüder Humboldt im Humboldt Forum zu finden sein?

DORGERLOH: Wilhelm und Alexander von Humboldt sind die geistigen Paten des Ganzen und an vielen Stellen direkt oder indirekt präsent. Zum Beispiel im Lautarchiv, im Amerikabereich, aber auch in der Berlin-Ausstellung. Und ihnen ist auch eine unserer geführten Basistouren durch das Haus gewidmet.

PARZINGER: Die Abhängigkeit kultureller Entwicklungen von den naturräumlichen Gegebenheiten zu sehen, ist ein sehr Humboldtscher Ansatz und zugleich einer der roten Fäden im Humboldt Forum. Die Brüder hatten ein ganzheitliches Bild von der Welt. Für die Besucher müssen wir genau dieses ungemein differenzierte Wissen über die Welt wieder zusammenführen und auf faszinierende Weise anschaulich machen.

Das Humboldt Forum ist eröffnet, der Eintritt für die Sammlungen ist frei, ich gehe also hinein – wie finde ich mich zurecht?

DORGERLOH: Es gibt ein Leit- und Orientierungssystem, Filme informieren über die Geschichte des Hauses und auch über die Idee des Humboldt Forums. Wir bieten Touren an und es gibt Guides, die Sie durchs Haus führen. Ansonsten ist es wie im Louvre, im British Museum oder im KaDeWe: Ich muss mich entscheiden.

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