„intonations“-Festival 2019 im Jüdischen Museum : Wien, (nicht) nur du allein

Komponisten aus der Metropole an der Donau prägen das diesjährige „intonations“-Programm. Doch auch Musik von Aribert Reimann wird erklingen.

Detlef Giese
Johannes Brahms war Wahlwiener.
Johannes Brahms war Wahlwiener.Foto: imago/Danita Delimont

Um 1800 war Wien ein Zentrum der Kammermusik. Die Donaumetropole zog viele Komponisten und Musiker an, weil hier offenbar ein besonderer kultureller Nährboden, ein Spirit vorhanden war, der sich außerordentlich produktiv auf die Kreativität der Künstler auswirkte. Für Wolfgang Amadeus Mozart war Wien „für mein Metier der beste Ort von der Welt“ – hier konnten sich seine musikalischen Fähigkeiten hervorragend entfalten. Für einen anderen „Wiener Klassiker“, Ludwig van Beethoven, galt Gleiches: Auch er machte die Kaiserstadt zur Wahlheimat, um als Virtuose und Komponist eine glänzende Karriere zu beginnen. Ein gebürtiger Wiener war indes Franz Schubert, der als direkter Beethoven-Zeitgenosse sich an seinem erklärten Vorbild regelrecht „abarbeitete“, sich auf vielfache Weise anregen ließ, aber doch seinen sehr eigenen Weg fand.

Diese Wiener Komponisten, deren Schaffenszeiten ins späte 18. und in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts fallen, werden beim diesjährigen Kammermusikfestival „intonations“ eine wesentliche Rolle spielen. Mozart ist mit einem Klaviertrio und dem kompositorisch feingliedrigen, melodisch reizvollen Klarinettenquintett aus seinen späteren Jahren vertreten, die den entwickelten klassischen Stil eindrucksvoll repräsentieren. Von Beethoven ist eine frühe Komposition zu hören, das suitenartige Septett op. 20 für gemischte, klangfarbenreiche Streicher-Bläser-Besetzung. Speziell ist auch die Instrumentenkombination von Schuberts Forellenquintett, das durch den Kontrabass größere Sonorität erhält und zweifellos zu den Höhepunkten seines kammermusikalischen Œuvres gehört.

Das gilt auch für das dritte Klavierquartett op. 60 von Johannes Brahms, eines weiteren in Wien ansässigen Komponisten. Den gebürtigen Hamburger hatte es ebenfalls in die Stadt Mozarts, Beethovens und Schuberts gezogen, wo er sich als einer der führenden Künstler seiner Zeit und der Romantik überhaupt etablieren konnte. Gerade mit seiner Kammermusik setzte er neue Maßstäbe in Konstruktion, Klang und Ausdruck – auch wenn er sich spürbar an den Errungenschaften der Vorgänger orientierte. Neben dem Klavierquartett c-Moll, dessen expressive Tiefe und ernster Ton für Brahms typisch sind, erklingt das Trio op. 40, in dem sich die drei so ungleichen Instrumente Horn, Violine und Klavier zu einem speziellen Ensemble vereinigen. Dass Brahms wie Schubert auch ein Meister des Liedes war, kann bei „intonations“ ebenso erlebt werden.

Wolfgang Korngold wurde in Hollywood zum gefeierten Filmkomponisten

Die Reihe Wiener Komponisten setzt sich fort mit Gustav Mahler, der der Generation nach Brahms angehört. Seine frühen „Lieder eines fahrenden Gesellen“ schlagen einen hochromantischen Gestus mit immenser Ausdrucksenergie an. Von Arnold Schönberg erklingt das Streichsextett „Verklärte Nacht“. Schönberg selbst hatte mehrere Werke des Walzerkönigs Johann Strauß (Sohn), der in Wien während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts populär war, für ein „Salon-Ensemble“ bearbeitet, darunter auch den berühmten Kaiserwalzer. Mit Hanns Eisler, den Schönberg als einen seiner begabtesten Schüler ansah, ist ein weiterer Komponist vertreten, den die Wiener Schule entscheidend angeregt hat, wenngleich er später den Pfad Richtung politische Musik einschlagen sollte. Doch seine „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“, 1941 im amerikanischen Exil entstanden, sind eine Hommage an den verehrten Lehrer Schönberg, von hohem kompositorischen Anspruch getragen und in einer von Schönberg inspirierten Klangwelt angesiedelt.

Auch Erich Wolfgang Korngold, als mozartgleiches Wunderkind in seiner Heimat Wien gefeiert, musste nach dem Anschluss Österreichs 1938 emigrieren; in Hollywood wurde er zum gefeierten Filmkomponisten. Aus den frühen 20er Jahren stammt sein Klavierquintett op. 15, das sich in spätromantischer Expressivität nicht zuletzt der Wiener Tradition eines Brahms verpflichtet zeigt. Brahms’ Musik besaß auch einen essentiellen Einfluss auf Ernst von Dohnányi, dessen 1903 komponiertes Streichtrio op. 10 ein souverän durchgestaltetes Stück Kammermusik ist, das die einschlägigen Werke Mozarts und Beethovens für diese Besetzung reflektiert.

So wie viele Linien gerade in der Kammermusik von Brahms ausgehen – Schönberg hatte nicht von ungefähr von „Brahms dem Fortschrittlichen“ und seiner zukunftsweisenden Wirkung gesprochen –, so viele Stränge führen zu ihm hin. Robert Schumann etwa füllte die Rolle eines Mentors für den jungen Brahms aus, der ihm die Wege ebnete und ihn auch ästhetisch maßgeblich prägte, vornehmlich im Blick auf Lied- und Kammermusik. Schumanns Zeitgenosse Mendelssohn, der mit zwei gewichtigen kammermusikalischen Werken bei „intonations“ vertreten ist (dem zweiten Klaviertrio und dem orchestral anmutenden Streichoktett), zählt ohnehin zu den zentralen Figuren der europäischen Musik des 19. Jahrhunderts. Ebenso wie Franz Liszt, der das Klavier- und Orchesterspiel gleichsam revolutioniert hat und auch auf dem Gebiet der Kammermusik Spuren hinterlassen hat, erfahrbar an seiner „Trauergondel“ („La lugubre gondola“) für Violine und Klavier.

Auch Chansons der 20er Jahre werden erklingen

Ein weiterer Fixpunkt des Festivals besteht in der Aneignung beziehungsweise Bearbeitung von Werken, die entweder in eine neue Klanggestalt überführt werden oder gar weitergedacht und -komponiert sind. Die erste Option verkörpern Schönbergs Arrangements des Strauß’schen „Kaiserwalzers“ und Dmitri Sitkowetskis Transkription der monumentalen „Goldberg-Variationen“ von Bach, die dem Tonsatz des Originals so weit wie möglich entsprechen.

Aribert Reimann ist gebürtiger Berliner.
Aribert Reimann ist gebürtiger Berliner.Foto: Gaby Gerster

Aribert Reimanns 1996 für Sopran und Streichquartett nach Liedern Mendelssohns komponierter Zyklus „... oder soll es Tod bedeuten?“ ist hingegen ein Beispiel dafür, wie genuine Musik der Romantik mit einer avancierten zeitgenössischen Tonsprache zusammenkommt. Auf andere Weise hat sich der Italiener Luigi Dallapiccola von der Vergangenheit anregen lassen. Beeinflusst von Schönberg und dessen Schule zog es ihn immer wieder zu Bach und Mozart, dessen populäre „Kleine Nachtmusik“ zum Ausgangspunkt für ein eigenes kammermusikalisches Werk wurde, die apart instrumentierte „Piccola Musica Notturna“ von 1968 – wenngleich mit deutlich akzentuierter nächtlicher, fast gespenstischer Atmosphäre.

So wie jedes Jahr wartet „intonations“ auch 2019 wieder mit Raritäten auf. So erklingt ein Divertimento für Oboe und Streichquartett des finnisch-schwedischen Komponisten und Klarinettisten Bernhard Crusell, einem Zeitgenossen Beethovens. Vladimir Tarnopolski wiederum zählt zu den bedeutendsten russischen Komponisten der Gegenwart – sein Werk „Eindruck – Ausdruck“, das in mehreren Versionen existiert, wird in einer gemischten Sextettbesetzung geboten. Und schließlich wird ein Ausflug in die legendären 20er Jahre unternommen, die voller Chancen und Möglichkeiten schienen, zuletzt aber doch auf eine neue Katastrophe zusteuerten. Chansons aus diesem spannenden Jahrzehnt lassen den Geist und die Stimmung dieser besonderen Phase unserer Geschichte eindringlich aufscheinen.

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