Iranischer Filmemacher Mani Haghighi : „Die Zensur ist wie ein Schachspieler“

Der Iranische Filmemacher Mani Haghighi über seinen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Khook/Pig“, die Liebe zum Opfer-Dasein und die Arbeitsbedingungen in seinem Land.

Mani Haghighi auf der Pressekonferenz zu "Khook".
Mani Haghighi auf der Pressekonferenz zu "Khook".Foto: AFP / Tobias SCHWARZ


Mani Haghighi, Jahrgang 1969, lebt als Filmemacher in Teheran. Er studierte unter anderem Philosophie in Kanada und gab 2003 sein Regiedebüt mit „Abadan“. Auf der Berlinale war er bereits mit „Men at Work“, „Modest Reception“ und im Wettbewerb 2016 mit „A Dragon Arrives!“ eingeladen, jetzt stelle er im Wettbewerb seinen siebten Spielfilm vor. Im Zentrum von „Khook/Pig“ steht Hasan, ein wehleidiger Filmemacher (Hasan Majuni), der sauer ist, weil im Iran ein Serienmörder umgeht, der alle berühmten Filmemacher enthauptet und „Khook“, Schwein, in die Stirn seiner Opfer ritzt. Nur ihn trifft es nicht. Als auch noch der berühmte Mani Haghighi geköpft wird und sogar Hasans Lieblingsschauspielerin, die schöne Shiva (Leila Hatami), muss er sich etwas einfallen lassen, um sein Renommee zu retten …

Mister Haghighi, was hat Sie veranlasst einen Film mit einem Filmemacher als Helden zu drehen?

Genealogie einer Idee? Da muss ich passen, ich hatte das schon lange im Kopf. Ich habe ja schon als Kind am Set meiner Eltern zugeschaut. Neuerdings beschäftigt mich aber auch das Social-Media-Phänomen des Cyber-Lynching. Die Fanhysterie produziert ein riesiges Grundrauschen, Wörter, die auf einen einprasseln, ohne dass man ihre Urheber kennt: Ich kenne dich nicht, ich sehe dein Gesicht nicht, ich weiß nicht deinen Namen, aber du kommentierst, alles was ich tue. Das kann sehr lustig sein in seiner Anonymität, aber auch sehr aggressiv und bedrohlich, es kann Menschen zerstören.

Sind soziale Netzwerk im Iran überhaupt frei zugänglich?

Nein, Facebook und Twitter werden blockiert. Aber gerade die jungen Leute wissen, wie man die Sperren umgeht, mit VPN, einer Methode, mit der man eine Adresse im Ausland fingiert.

Soziale Zensur, Paranoia, Behörden-Willkür, jetzt Berufsverbot und stalkende Fans: Ihre Filme handeln von ernsten Themen, und Sie machen Komödien daraus.

Ironie gibt es in all meinen Filmen, ich bin offenbar ein Mensch, der gerne eine ironische Distanz zu tragischen Phänomenen einnimmt. Serienmorde, die Aggression der Massen, Cyber-Lynching, diesen Dingen kann ich mich am besten mit den Mitteln der Satire nähern. Ich will keine platten Weisheiten verbreiten, ich bin auch kein Sozialwissenschaftler, der diese Phänomene analysieren könnte. Und das Letzte, was ich möchte, ist Selbstmitleid, da ist die Groteske ein guter Schutz.

Hat es Spaß gemacht, für „Khook“ die eigene Beerdigung zu inszenieren?

Ich hatte einen strategischen Grund, mich im Film selbst sterben zu lassen. Wenn ich mich über mich selbst lustig mache, habe ich eine Carte Blance, mich über die anderen lustig machen zu dürfen. Der Film feiert seine Weltpremiere in Berlin, ich brenne darauf, zu sehen, wie ihn meinen Kollegen im Iran finden.

Sie sagen, Märtyrer sind im Iran die größten Helden. Man muss als Verlierer aus der Schlacht gehen, sonst ist man ein Loser. Woher kommt das?

Es ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Wer immer bei uns über seine Probleme redet, stellt sich gerne als Opfer dar. Schau, wie schlecht ich behandelt werde: Mit dieser Strategie wirbt man um Sympathie. Ich hasse es, wenn Leute dieses Register ziehen. Sie machen sich schwach, um die Starken kritisieren zu können. Ich ziehe es vor, im Kampf mit Unterdrückung, mit der Zensur und den Behörden gewinnen zu wollen Ich bin lieber Sieger als Opfer.

Im Iran werden Regisseure inhaftiert und schikaniert, Kollegen wie Jafar Panahi oder Mohammad Rasoulof mit Berufs- und Reiseverbot belegt. Wie ist zur Zeit die Situation für Künstler und Filmemacher?

Wir haben es vor allem mit Willkür zu tun, das ist schrecklich und kann zerstörerisch sein. Was erlaubt ist, ändert sich auf unberechenbare Weise, wie das Wetter. Die politische Stimmung im Land entscheidet darüber, was geht und was nicht. Weil eine Filmproduktion oft länger dauert als ein Jahr, muss sie diesen Stimmungsschwankungen ständig angepasst werden.

Das heißt, die Proteste gegen soziale Missstände wie im Januar oder die aktuell wieder angespannte Lage zwischen Israel und Iran wirken sich auf Ihre Arbeit aus?

Nicht unmittelbar, aber indirekt schon. Aber ich mag es nicht, wenn es heißt, iranische Filme seien auch wegen der Zensur gute Filme. Klar, Beschränkungen können die Kreativität freisetzen, aber auch andere Dinge können erfinderisch machen. Ich würde sehr gerne unter freieren Bedingungen arbeiten. Wissen Sie, es ist ein Spiel, wie Schach. Du denkst dir Strategien aus, nimmst die Züge des Gegenspielers vorweg, kannst verhandeln, drohen, tricksen. Jedenfalls solange sie dich nicht ins Gefängnis werfen. Man ist nicht vollkommen machtlos. Alleine die Tatsache, dass die iranischen Autoritäten in der Öffentlichkeit nie gerne als Unterdrücker und Zensoren dastehen, gibt einem Spielraum. Sie wollen ein gutes Image und davon kann man profieren.

Hat sich die Situation für die Kunst- und die Meinungsfreiheit unter dem Reformer Hassan Rohani denn verbessert?

Die Wahrnehmung, dass es besser ist, wenn die Reformkräfte das Sagen haben und nicht die religiösen Fundamentalisten, kann ich nicht teilen. Es gibt keinen Grund, optimistischer zu sein als vor einigen Jahren. Ich mache Filme seit 2003, und wer immer an der Macht war, die Konservativen, die Liberalen, es gab nicht mehr oder weniger künstlerische Freiheit. Nicht der Grad, nur die Art der Unterdrückung ist anders.“

Ihr Filmheld Hasan wird von Frauen getröstet, unterstützt auch manipuliert. Es gibt ja dieses westliche Bild von der starken Frau im Iran, auch in arabischen Ländern. Ein Stereotyp?

Hasan ist ein Narzisst, ein Künstler mittleren Alters, der ständig Aufmerksamkeit will und gehätschelt werden möchte. Und wer bietet ihm das? Die Frauen. Deshalb erschien es mir nur logisch, ihn mit Frauen zu umgeben, mit der toughen, liebenden, typisch iranischen Mutter, der Tochter, der Ehefrau, der Schauspielerin etc. Ein Sohn zum Beispiel hätte ein neues Konfliktfeld aufgemacht: Ödipus, Rivalität, es wäre eine andere Story. Das Stereotyp von der starken Frau im Iran ist dabei so richtig und falsch wie das Stereotyp von der deutschen Pünktlichkeit. Das hassen Sie doch bestimmt auch, wenn es zum Beispiel heißt, deutsche Züge sind pünktlich. Meine Kostümbildnerin ist gestern Abend mit dem Zug aus München gekommen. Der Zug blieb aber in Leipzig stehen, und sie musste einen Mietwagen nehmen.

Und wie steht es um das Stereotyp vom iranischen Kino, das immer so aussehen soll wie bei Abbas Kiarostami?

Auch das ist richtig und falsch. Es gibt sie, die meisterlichen schlichten, allegorischen Erzählungen über Kinder und die Unschuld des Menschen. Ich bin sehr glücklich über diese Filme. Aber es gibt auch kompliziertere Narrative. Unser Land ist vielseitiger, auch unsere Filmlandschaft.

„Khook/Pig“: 22.2., 13.30 Uhr (Friedrichstadtpalast), 18.30 Uhr (HdBF), 22.30 Uhr (International); 25.2., 20 Uhr (Friedrichstadtpalast

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!