Italien-Roman von Patricio Pron : Futuristen, Faschisten und Rote Brigaden

Der labyrinthische Roman „Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt“ erzählt auf drei Zeitebenen vom Zusammenhang von Kunst und Gewalt.

Katrin Hillgruber
Spuren des Faschismus. Das in der Zeit des Faschismus erbaute Sportareal Forum Italicum in Rom.
Spuren des Faschismus. Das in der Zeit des Faschismus erbaute Sportareal Forum Italicum in Rom.Foto: ANSA/epa/dpa - Bildfunk/picture-alliance

Bislang unbekannt war, dass der Futurist und selbsterklärte „hochzivilisierte Barbar“ Filippo Marinetti gemeinsame Sache mit dem faschistoiden US-Poeten Ezra Pound gemacht hat. Im April 1945 sollen beide in Pinerolo bei Turin einen Kongress faschistischer Schriftsteller geplant haben, inspiriert von internationalen antifaschistischen Schriftstellerkongressen im Spanien und Südamerika der späten dreißiger Jahre. Der Konvent sollte der schlechten Presse entgegenwirken, die Mussolinis Sozialrepublik Italien bekam, besser bekannt als Republik von Salò.

Das jedenfalls behauptet der Schriftsteller Patricio Pron in seinem Roman mit dem rätselhaft-elegischen Titel „Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt“. Pron legt das titelgebende Zitat dem NS-Autor Hans Zöberlein in den Mund, der seine Teilnahme an dem Kongress angeblich absagte. Aber hätte der Verfasser übelster Kriegspropaganda eine so blumige Formulierung gewählt?

Das bleibt eines der Geheimnisse dieses wundersam labyrinthischen Italien-Romans, der auf mehreren Zeitebenen spielt: 1944/45, zur Hochzeit der Roten Brigaden 1978 und 2014 in Mailand. Pron zeigt, wie sich die Gewalt durch die politischen Systeme hindurch fortpflanzt.

Das Herzstück seines Romans bildet ein alphabetisches Register der Kongressteilnehmer, das deren Leben und wichtigste Werke nach Art eines Literaturlexikons vorstellt, inklusive irritierend-amüsanter Einsprengsel. So sei einer der Futuristen zu schüchtern gewesen, um auf sein Schaffen aufmerksam zu machen. Ein anderer habe nach dem Konkurs seiner Süßwarenfabrik Selbstmord begangen. Wahr ist hingegen, dass der NS-Dramatiker Hanns Johst nach 1945 als „Odemar Oderich“ für die Supermarkt-Kundenzeitschrift „Die kluge Hausfrau“ dichtete.

Ein detektivisches Abenteuer an der Schnittstelle von Politik und Literatur

Der italienische Futurismus als erste künstlerische Avantgarde, die im Kontakt mit der Macht praktisch alles verlor, fasziniert Pron, so wie überhaupt der Zusammenhang von Kunst und Gewalt, die Vitalität überkommen geglaubter Ideologien.

Patricio Pron, der 1975 im argentinischen Rosario geboren wurde, als Nachfahre Schweizer und italienischer Einwanderer aus der Gegend von Pinerolo, wartet mit stupender Sachkenntnis auf. Der schillernde Konvent endet mit dem gewaltsamen Tod des Teilnehmers Luca Borrello. Darüber führen zwei andere erfundene Futuristen Jahrzehnte später einen ausgedehnten Dialog in Form von Tonbandmitschnitten.

Beide werden 1978 von Peter/Pietro Linden befragt, einem Sympathisanten der Roten Brigaden, die ihn mit diversen Beschattungs- und Beschaffungsmanövern betrauen. Unklar bleibt, was er mit dem Tod eines Professors zu tun hat. Der Deutsch-Italiener Linden ist der Enkel eines Partisanen, der im Zweiten Weltkrieg verletzt und von einem faschistischen Schriftsteller gepflegt wurde. Diesen versucht Linden nun ausfindig zu machen, parallel zur Leserschaft, die alle Puzzleteile des vielschichtigen Textes zusammensetzen muss – ein vertracktes Vergnügen.

Ausdrücklich zu loben ist die Übersetzung von Christian Hansen. Die Lektüre von Prons Roman ist ein detektivisches Abenteuer an der Schnittstelle von Politik und Literatur, von Geschichte und blühender lateinamerikanischer Fantasie.
[Patricio Pron: „Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt.“ Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Rowohlt, Reinbek 2019. 416 S., 24 €.]

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