Iván Fischer dirigiert „Das Lied von der Erde“ : Die Linien des Fühlens

Eine eingeschworene Gemeinschaft: Iván Fischer dirigiert „Das Lied von der Erde“ mit dem Konzerthausorchester. Sänger Andrew Staples macht die Vokalstimmen zum Ereignis.

Ganz in seinem Element. Der ungarische Dirigent Iván Fischer.
Ganz in seinem Element. Der ungarische Dirigent Iván Fischer.Foto: Marco Borggreve

Er wird dem Konzerthausorchester nicht verloren gehen. Iván Fischer, der Chefdirigent aus Ungarn, verlässt zwar 2018 sein Amt, um sich seiner schöpferischen Arbeit als Komponist zu widmen. Aber er kommt wieder als Ehrendirigent. Neben dem künftigen Chefdirigenten Christoph Eschenbach und dem Ersten Gastdirigenten Jurai Valčuha wird er eigene Projekte realisieren. Die Musiker werden froh begrüßen, dass Fischer auch weiterhin Abonnementkonzerte leitet.

Denn gegenwärtig stellen sie eine eingeschworene Gemeinschaft dar. Das Orchester versteht jeden Wink in der Gestik des Chefs, und die Durchhörbarkeit des Klangkörpers ist so elegant wie verräterisch. Kein Körnchen darf den Feinschliff trüben. Vollendet gelingt das im Kopfsatz der Italienischen Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy. Bis in die fugierten Teile hält der Dirigent die jubelnde Stimmung wach, ein raffinierter Schwung beherrscht die Streicher, die Flötentöne und den Hörnergesang, um am Ende wiederzukehren im Presto. Italianità im Sommernachtstraum, so schmeichelt der Mendelssohn’sche Eigenton.

Streben nach Deutlichkeit

Dass Fischer einst Assistent von Nikolaus Harnoncourt war, macht sich in seinem Streben nach Deutlichkeit bemerkbar. In Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ dominiert bei ihm in der koloristischen Instrumentation vor allem das lineare Fühlen des Komponisten. Der „Abschied von Jugend, Schönheit und Freundschaft“, den Mahler aus Bethges Sammlung von Nachdichtungen chinesischer Lyrik entnommen hat, erweckt im Konzerthausorchester die innigsten Soli.

Die Komposition ist weitgehend Kammermusik für großes Orchester. Wie sich die Stimmen der Instrumente von denen der beiden Gesangssolisten in kantablen Linien abheben, wird zum Haupteindruck der Aufführung. Dass die Vokalstimmen nicht begleitet, sondern dem Orchesterapparat einverleibt werden, macht mit glänzender Tenorfarbe der Sänger Andrew Staples zum Ereignis. Mit glühendem Espressivo lässt er seine Melodien in die Polyfonie ein, mit der das Orchester im „Trinklied“ oder „Von der Jugend“ spricht. Weniger wortdeutlich realisiert Gerhild Romberger Mahlers subtile Textausdeutung. Aber auch das erlaubt die Partitur: die menschliche Stimme als Instrument. So gestaltet Romberger die Lieder um Einsamkeit und Abschied mit der gepflegten Klangschönheit ihres Singens.

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