Warum die Bauern und die Landwirtschaft Jäger brauchen

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Jagd in Deutschland : Killing Bambi
Alice Agneskirchner
Jäger im Gebirge. Eine weitere Szene aus "Wem gehört die Natur?".
Jäger im Gebirge. Eine weitere Szene aus "Wem gehört die Natur?".Foto: Broadview Pictures

Das deutsche Jagdgesetz gibt den Jägern „die Befugnis, in einem bestimmten Gebiet die dort wildlebenden Tiere zu hegen und auf sie die Jagd auszuüben“. Sie gehören niemandem, dürfen aber von Jägern in dessen Revier – und nur dort – gejagt werden. Wie viele, das legen die Jagdbehörden in den Landwirtschaftsministerien fest. Die Quoten steigen, die Jäger empfinden sich mehr und mehr unter Druck. Die Tiere wissen von all dem nichts und führen ihr Leben. Jedes Reh bekommt im Frühjahr ein oder zwei Kitze, jede Hirschkuh ein Kalb, jede Wildschweinbache fünf bis fünfzehn Frischlinge. Viele natürliche Feinde gibt es nicht, auch wenn in Deutschland besagte Wolfsrudel wieder frei leben. Die Zahl der von ihnen gerissenen Tiere würde allerdings nicht ausreichen, den jetzigen Wildbestand auf einer Konstante zu halten.

Die Gams, warnen viele Jäger, steht vor der Ausrottung

Zurück ins Voralpenland, zurück zu meinem Film, für den ich den Jäger Hans mehrfach bei der Jagd begleitet habe. Ein Bayer, wie man ihn sich vorstellt, er stand viele Jahre lang als oberster Jäger einem riesigen Voralpen-Waldgebiet vor. Heute sagt er, es ist ein Verbrechen, was mit dem Wild und vor allem mit der Gams geschieht. Das Gebirge wird landwirtschaftlich nicht genutzt, aber staatlich aufgeforstet. Seit 30 Jahren. Die Gams lebt nur dort und im Winter sucht sie unter dem Schnee nach Nahrung – sie frisst auch junge Baumtriebe. Ob der Verbiss den Totalverlust oder nur ein Wachstumshemmnis des Baumes zur Folge hat, ist umstritten. Aber laut Schutzwaldsanierungsverordnung ist die Schonzeit für die Gams in diesen Gebieten aufgehoben. Böcke und weibliche Tiere unter drei Jahren müssen dort ganzjährig gejagt werden.

Die Folge: Die Gams steht vor der Ausrottung. Sagt der Hans, sagen viele Jäger. Die Jägerin Christl hat deshalb den Verein „Wildes Bayern e.V.“ gegründet, zur Rettung der Gams. Jäger wären die längste Zeit Jäger gewesen, wenn es keine Wildtiere mehr gäbe. Und vielleicht gilt das ja auch umgekehrt.

Die Gams, warnen viele Jäger, sind von der Ausrottung bedroht. Szene aus "Wem gehört die Natur?".
Die Gams, warnen viele Jäger, sind von der Ausrottung bedroht. Szene aus "Wem gehört die Natur?".Foto: Broadview Pictures

Es gibt in Europa nämlich keine „freie“ Natur. Jede Fläche wird forstwirtschaftlich oder agrarwirtschaftlich genutzt, jede Fläche gehört jemandem . Die Wildtiere fressen sozusagen immer einem Besitzer etwas weg. Sie werden geduldet, solange die Schäden im Rahmen bleiben. Was würde geschehen, wenn nicht gejagt würde? Bauern und Forstwirte müssten mit den Wildschweinrotten, Rotwildherden und Millionen Rehen auf den Feldern und in den Wäldern leben – die landwirtschaftlichen Schäden würden beständig steigen. Die einzigen natürlichen Feinde wären neben den Wölfen und Adlern die Autofahrer – jährlich kommt es zu rund 250 000 Wildunfällen. Ohne die Jagd wären es zweifellos mehr. Wie lange würde unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft das tolerieren?

Was ist moralischer, der Schlachthof oder die Jagd in freier Natur?

Warum also werfen wir den Jägern das Töten vor? Weil wir vermuten, dass sie es „nur“ zum Spaß tun? In Ulrich Seidls Dokumentarfilm „Safari“ von 2016 sieht man „weiße Jäger“, wie sie afrikanische Großtiere zur Strecke bringen. Das erweckt Abscheu – wohl auch, weil die Tiere besonders groß sind. Aber der Jäger im deutschen Wald hat kein wesentlich besseres Image. Als sei es moralisch verwerflicher, ein Reh mit einem gezielten Schuss zu erlegen, als im Supermarkt Hackfleisch zu kaufen.

Die Jäger selbst beschreiben das Einlassen auf die Jagd als besonderen Seinszustand. Ortega y Gasset nennt es das vollkommene Wachsein. Weil der Jäger sich immer neu auf die Jagdsituation mit dem Wild einstellt, das er nicht kontrollieren kann, nimmt es ihn zu 100 Prozent gefangen. Auf eine Art wird er dem Tier gleich.

Das Wildtier lebt in Freiheit, es erfüllt die Kriterien der Slow-Food-Bewegung

In Deutschland werden im Jahr 40 Millionen Hausschweine verspeist. Sie kamen nur zu diesem Zweck auf die Welt. Ist derjenige, der Schwein für Schwein das Bolzenschussgerät bedient, weniger am Tod beteiligt als der Jäger? Solche moralisch-philosophischen Fragen verhandelt übrigens auch Ildikó Enyedis allegorische Liebesgeschichte „Körper und Seele“, die auf einem ungarischen Schlachthof spielt sowie bei zwei Hirschen im Wald; der Film gewann dieses Jahr auf der Berlinale den Goldenen Bären.

Das Rind stirbt zusammengepfercht im Gatter; das Wildtier lebt in Freiheit. Es erfüllt die ethischen Kriterien der Slow-Food-Bewegung: hochwertige Qualität, ökologische Nachhaltigkeit und die Erhaltung regionaler Esstraditionen. Der Tod durch den Jäger kommt unvermutet und schmerzfrei.

Alice Agneskirchner lebt als Dokumentarfilmerin in Berlin. Ihr Kinofilm „Wem gehört die Natur?“ feiert an diesem Mittwoch auf den Internationalen Filmtagen in Hof seine Uraufführung und kommt nächstes Frühjahr ins Kino.

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