Jakob Tuggener-Ausstellung in der Schweiz : Leben heißt arbeiten

Der Schweizer Jakob Tuggener bannte das Leben der 30er bis 50er Jahre auf Schwarz-Weiß-Bilder. Er gilt als einer der Großen der Fotografiegeschichte. Die Fotostiftung Schweiz zeigt sein Werk.

Knochenjob. Jakob Tuggener, „Heizer am Elektroofen“, 1943.
Knochenjob. Jakob Tuggener, „Heizer am Elektroofen“, 1943.Foto: © Jakob Tuggener-Stiftung

Mit dem Reprint seines einzigen zu Lebzeiten erschienenen Buches „Fabrik“ im Jahr 2012 wurde der Rang Jakob Tuggeners als eines der Großen der Fotografiegeschichte eindrücklich befestigt. Das Buch selbst erschien 1943 und fand, kriegsbedingt, in der neutralen Schweiz weder Anklang noch überhaupt Aufmerksamkeit. Aber Tuggener (1904–1988) arbeitete bis in die siebziger Jahre hinein, und er pflegte seine Projekte ohne chronologische Ordnung anzugehen. Für den in Zürich geborenen und dort auch verstorbenen Tuggener zählte jede Fotografie in ihrem Eigenwert, unabhängig von Ort und Zeit, und schon gar nicht diente sie ihm als bloße Illustration. Selbst Beschriftungen lehnte er ab.

Allerdings hat er auf den Rückseiten der von ihm als bewahrenswert erachteten, selbst gefertigten Abzüge kurze Legenden hinterlassen: Ort und Zeit. Das genügte. Tuggener forderte, eine jede Fotografie, ein jedes Bild müsse für sich sprechen. So geizt denn auch die Ausstellung „Maschinenzeit“ mit Informationen, die jetzt die Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu diesem einen Hauptaspekt des Lebenswerkes veranstaltet – freilich nicht so absolut, wie es der Fotograf verlangt hatte. Die (fast) gleichnamige Begleitpublikation, nach einer Vorlage Tuggeners von 1952 entstanden, hält sich daran.

Nostalgische Gefühle angesichts der wunderbaren Fotografien

Der heutige Betrachter will nun eben doch wissen, wann und wo die Aufnahmen entstanden sind, die Tuggener vorwiegend zwischen den dreißiger und frühen fünfziger Jahren geschaffen hat, in einer Schweiz, die damals noch nicht das Land eines paradiesisch hohen Lebensstandards war. Sondern eines, in dem Arbeiter in die Fabrik gingen, Mädchen Hilfsdienste zu verrichten hatten, in denen Dampf und Rauch aufstieg, Hände schwielig waren und Gesichter schweißbedeckt. Tuggener, schreibt sein Historiker und Kurator der Ausstellung, Martin Gasser, fürchtete die künftige Übermacht der Maschine über den Menschen.

Doch wenn man heute die wunderbaren Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Werkzeugen und Turbinen, von Schraubschlüsseln und Dampflokomotiven sieht, kommt jedenfalls den Älteren das nostalgische Gefühl angesichts einer untergegangenen, noch halbwegs verständlichen, auf verquere Weise humanen Lebenswelt an. Immerhin gab es noch etwas von Hand zu schrauben und zu justieren, und selbst die miesepetrigen Buchhalter der Maschinenfabrik haben etwas Anrührendes, wie sie inmitten ihrer Papier- und Formularstapel verzweifelt Ordnung zu halten suchen.

Tuggener selbst lebte äußerst bescheiden

Es gab sogar einmal eine Arbeiterbewegung in der Schweiz. Davon berichten Tuggeners Bilder nichts. Er war augenscheinlich unpolitisch. Freilich bringen seine Sujets das Verhältnis von Kapital und Arbeit zur Ansicht. Tuggener war zudem ein großer Menschenbildner. Die Physiognomien, die er festhielt und die heute ganz undenkbar geworden sind, sprechen von der Würde eines unter allen Zumutungen aufrechten Lebens. Sie sprechen von unerfüllten Hoffnungen, von der Vergeblichkeit, die sich ins Gesicht gegraben hat. Aber sie sind auf eine Weise heroisch, dass man bisweilen an die sowjetische Fotografie der Vorkriegszeit erinnert wird. Hier wie dort erscheint Arbeit als Bewährung, ja Beweis der eigenen Existenz.

Es ist nur eine Seite des Tuggener’schen Œuvres, die in Winterthur ausgebreitet wird. Eine ganz gegenteilige war die Welt der Luxushotels und ihrer Silvesterbälle, die der Fotograf mit unschuldiger Freude besuchte und ins Bild bannte. Persönlich war Tuggener, der übrigens 1930/31 in Berlin Typografie und Film studiert hatte, bescheiden bis an die Grenze der Armut. Die letzten 28 Jahre seines Lebens verbrachte er in einer Zürcher Kellerwohnung, die ihm – mit provisorischem Fotolabor in der Küche – als Lebensbereich genügte. Hier bewahrte er, so unglaublich es klingt, sein Lebenswerk auf. In Kürze wird der wichtigste Teil davon in einer großzügigen Edition des Verlags Steidl erscheinen. Bis dahin ist die Winterthurer Ausstellung der Ort, noch einmal die ganze, nur ihr eigentümliche Aussagekraft der Fotografie in Schwarz-Weiß zu erfahren – und zu bewundern.

Winterthur, Fotostiftung Schweiz, bis 28. Januar. Begleitbuch „Die Maschinenzeit“ 48 CHF. – www.fotostiftung.ch

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