Jakub Hrusa dirigiert in Berlin : Spiel mit Liebe und Tod

Mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin stellt Jakub Hruša eine Rarität aus Tschechien vor: Josef Suks "Ein Sommermärchen".

Jakub Hrusa ist Chefdirigent der Bamberger Symphoniker
Jakub Hrusa ist Chefdirigent der Bamberger SymphonikerFoto: Pavel Hejnz

„Ein Sommermärchen“, das klingt fröhlich und heiter. Doch ein Blick auf die Reihen des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin am Sonntagnachmittag in der Philharmonie macht deutlich, dass es in der 1909 uraufgeführten Komposition des tschechischen Komponisten, Dvorák-Schülers und -Schwiegersohns Josef Suk nicht nur „lyrisch schön“ zugehen wird: Der Streicherapparat ist riesig, die Bläser sind mindestens doppelt, im Blech sogar dreifach besetzt.

Josef Suk schrieb „Ein Sommermärchen“ in einer großen persönlichen Krise. Im Juli 1905, nur 14 Monate nach dem Tod Dvoráks, war seine Frau Otylka gestorben. Die Komposition wird für ihn zur Trauerbewältigung. Jakub Hruša, der umtriebige Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, der am Sonntag das RSB dirigiert, ist wie Suk Tscheche – und die Musik seines Landsmanns liegt ihm außerordentlich gut.

Im ersten Satz treibt Hruša seine euphorisch aufspielenden Musiker in ohrenbetäubende Abgründe, und zwar im vollen Wortsinn. Im zweiten Teil aber lässt er die Musik sphärisch leuchten. Damit beweist der Dirigent einmal mehr sein exzellentes, bei allem symphonischen Prunk fast schon kammermusikalisches Musikverständnis.

Den Solisten gibt er großen Freiraum, im dritten Satz dürfen Englisch-Hörner, Solobratsche und -geige melancholisch schwelgen. Deutlich handfester nimmt Hruša den vierten Satz. Instrument um Instrument baut er immer neue Tonkaskaden auf, glasklar, luzide und stets voll vibrierender Energie. Eine reine Freude.

Josef Spacek spielt Dvoraks Violinkonzert

Wo Suk erklingt, ist ein Dvorák nicht weit. Noch vor dem „Sommermärchen“ steht das Violinkonzert des berühmten Lehrmeisters auf dem Programm. Solist ist, natürlich, wiederum ein Tscheche. Feurig und immer aufmerksam wechseln sich Orchester und Sologeiger Josef Špacek im auskomponierten Streitgespräch des Kopfsatzes ab, bevor sich die Hitze in den lyrischen Weiten des zweiten Satzes verflüchtigt.

Špaceks Guarneri del Gesù projiziert einen warmen, dichten Klang in den Saal, der sich ebenso federleicht über das feine Tongespinst des Orchesters erhebt wie selbst zum Begleitklang einzelner Bläsersoli wird.

Schlichtweg ekstatisch wird es schließlich im Finalsatz. Lustvoll tanzen der hüftweiche Hruša und sein nicht minder beweglicher Solist – so rasant, dass der sonst technisch astreine Špacek seinen finalen Lauf mit einem abrupten Lagenwechsel abkürzen muss.

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