Japanische Filme in Panorama und Forum : Gib mir deine Gedanken

Japan-Doppel mit Hang zum Übersinnlichen: Kiyoshi Kurosawas „Yocho“ und Yui Kiyoharas „Our House“ in Panorama und Forum.

Jonas Lages
Zeichen der Bedrohung überall. Kiyoshi Kurosawa Kaho und Shota Sometani in "Yocho".
Zeichen der Bedrohung überall. Kiyoshi Kurosawa Kaho und Shota Sometani in "Yocho".Foto: YOCHO Project Partners

Aliens wollen die Erde erobern. Sie haben eine Avantgarde von Feldforschern vorausgesandt, Makabe ist einer von ihnen. Der Mediziner mit der Motorik eines Spielzeugroboters hat ein Fachgebiet: menschliche Konzepte. Er sammelt sie, indem er seinen Opfern den Zeigefinger an die Stirn hält und sie so der Ideen beraubt, die sie im Sinn haben. Bei der Wahl der Probanden hilft ihm ein irdischer Guide namens Tatsuo. Dessen Ehefrau Etsuko bietet Makabe jedoch buchstäblich die Stirn: Seine Technik wirkt nicht bei ihr.

Mit einem Hang zum Übersinnlichen hat sich Kiyoshi Kurosawa als ein Regisseur etabliert, der in die Köpfe seiner Zuschauer kriecht und existentiellen Horror sät. Nun verbindet er in „Yocho“ Elemente aus Thriller, Science- Fiction und Katastrophenfilm. Der Film ist ein Spiel der Zeichen und Andeutungen. Menschen werden ihrer Vorstellungen beraubt und verlieren so den Zugriff zur Realität. So streift der Film die Frage, inwieweit die Welt, die wir wahrnehmen, nur in unserer Vorstellung existiert. Die Technik des geistigen Diebstahls weist auch ins ästhetische Zentrum des Films. Es wirkt, als hätte jemand Kurosawa der Konzepte Horror und Thriller beraubt. Die Leinwand ist überzogen von Zeichen der Bedrohung – wehende Vorhänge, dunkle Räume, verstörte Gesichter –, doch sie weisen alle seltsam ins Leere.

Überraschender ist da schon die Umkehr der genretypischen Geschlechterdynamik: Hier ist eine Frau die auserwählte Retterin. Dass sie sich jedoch wie eine gute japanische Ehefrau dank ihrer Reinheit für ihren Mann aufopfern will, ist weniger rührende Liebesgeschichte als konservative Familienpolitik.

Liebe zum Mysterium

Neben seinen eigenen Filmarbeiten lehrt Kurosawa an der Tokioter Universität der Künste. „Our House“, der Abschlussfilm seiner Schülerin Yui Kiyohara, läuft im Forum. Unter einer ganz anderen Prämisse geht es auch hier um Amnesie und Eindringlinge. Zunächst folgt der Film dem Alltag der 14-jährigen Seri in einem alten japanischen Haus. Dann ein Ortswechsel: Eine Frau erwacht auf einer Fähre und hat ihr Gedächtnis verloren. Toko ist die einzige andere Seele auf dem Schiff und lädt sie zu sich nach Hause ein. Es ist das gleiche Haus, in dem Seri wohnt. Nur gibt es keine Spur von ihr.

Und so entfalten sich diese zwei Erzählstränge am gleichen Ort, ohne sich zu überschneiden. Doch nach und nach dringen Geräusche und Stimmen aus dem einen Kosmos in den anderen – und ein Loch, das Seri in die Papierwand sticht, existiert auch bei Toko. Neben dieser formalen Verschränkung existieren kaum thematische oder motivische Spiegelungen zwischen den Welten. Ist das Haus eine Geisterkommune? Gibt es Parallelwelten? Verläuft die Geschichte auf einem Möbiusband? Kiyohara interessiert sich mehr für das Aufwerfen als für die Beantwortung von Fragen. Ihr Film liebt das Mysterium und droht, sich in ihm zu verlieren.

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