"Jedes Gesicht hat eine Geschichte" : Zum Tod von Agnès Varda

Filmemachen als gemeinschaftliches Projekt: Die große französische Regisseurin Agnès Varda ist gestorben. Ein Nachruf.

Agnès Varda (30.5.1928 – 29.3.2019)
Agnès Varda (30.5.1928 – 29.3.2019)Foto: T. Schwarz/AFP

Noch im Februar nahm sie für ihr Lebenswerk eine Berlinale Kamera entgegen und zeigte ihren autobiografischen Film „Agnès par Varda“. Man sah darin eine ansteckend fröhliche Agnès Varda bei öffentlichen Auftritten Auskunft über ihre Arbeit geben. Aber auch Weggefährten kamen zu Wort. Denn Filmemachen war für sie stets ein kollektives Unternehmen: „Inspiration, Erfindung, Teilen“.

Da muss die am 30. Mai 1928 unter dem Namen Arlette in Ixelles bei Brüssel geborene Tochter eines Griechen und einer Französin schon gewusst haben, dass sie nicht mehr viel Zeit zum Leben hatte: Am Freitag ist sie einer Krebserkrankung mit 90 Jahren bei sich zu Hause in der Pariser Rue Daguerre erlegen. Wenn es aber eine Art künstlerisches Vermächtnis gibt, so liegt es im Film zuvor, in „Visages, villages“. „Augenblicke: Gesichter einer Reise“, so der deutsche Titel, ist eine Art Resümee ihres bewegten Lebens. Varda nimmt Abschied von Freunden und Weggefährten; nur Godard lässt sie vor verschlossener Tür stehen. „Du bist ein Mistkerl, aber ich mag dich trotzdem“, sagt sie unter Tränen.

Die Tochter eines Bergarbeiters. Die Belegschaft einer Salzfabrik. Die Ehefrauen von Dockarbeitern in Le Havre. Sie alle werden von Agnès Varda verewigt. „Jedes Gesicht“, sagte sie, „hat eine Geschichte.“ In ihrem vielleicht schönsten Film begibt sich Varda gemeinsam mit ihrem Co-Regisseur, dem Streetart-Künstler JR, auf einen Roadtrip, um ein halb vergessenes France profonde zu finden. Die beiden fahren in JRs mobilem Fotolabor über die Dörfer, sie sprechen Menschen auf der Straße oder auf dem Feld an, um ihre Porträts aufzunehmen und die grobkörnigen Prints an Häuserwände und Scheunen zu tapezieren. Das Werk lebt von den Anekdoten der Gesprächspartner wie von der Dynamik zwischen den exzentrischen Filmemachern.

Hütet Euch vor Sonnenbrillen!

Dabei outet sich der 33-jährige Künstler als Fan von Vardas Film „Mauerbilder“, in dem sie die Graffiti von afroamerikanischen und Latino-Jugendlichen in Los Angeles zeigt. Die Kids erzählen ihre Geschichten, die Regisseurin hört voller Anteilnahme zu – wie eigentlich all ihren Protagonisten, ob in Dokumentar- oder Spielfilmen. Varda wiederum liebt die Wandbilder von JR, der berühmt wurde mit großflächigen Porträts der Bewohner in der Pariser Banlieue: Sie zieren dort Fassaden und Hauswände. Ephemere Kunst als Hommage an die Heldinnen und Helden des Alltags.

Mehrfach beklagt sich Varda über JRs Unsitte, nie die Sonnenbrille abzunehmen. Das hat Tradition. 1961 drehte sie mit dem notorischen Sonnenbrillenträger Jean-Luc Godard und Anna Karina die Stummfilm-Vignette „Les Fiancés du Pont Mac Donald“. Untertitel: „Hütet euch vor Sonnenbrillen“. Vardas Aversion ist mehr als eine Schrulle. Der Blick in die Augen der Menschen gehört zu den Grundlagen ihrer Arbeit, kam sie doch über die Fotografie zum Kino.

Henri Cartier-Bresson, dessen Grab sie mit JR besucht, war ein Freund und Vorbild. „Ich dachte anfangs, Bilder plus Worte seien gleich Kino“, sagte sie einmal. „Später erkannte ich meinen Irrtum.“ Im Grunde hat dieses Memoiren-Projekt schon vor zehn Jahren mit dem bezaubernden „Die Strände von Agnès“ begonnen. Damals schlüpfte Varda in eine Rolle, die sie in „Augenblicke“ wieder aufnimmt, „die Rolle der kleinen alten Dame, freundlich, rund und gesprächig, die aus ihrem Leben erzählt. Aber eigentlich sind es die Geschichten der Anderen, die mich interessieren.“

1958, drei Jahre nach ihrem Regiedebüt „La Pointe Courte“, lernte Varda Jacques Demy („Die Regenschirme von Cherbourg“) kennen, ihren späteren Ehemann. Er führt sie in die Männerzirkel der Nouvelle Vague ein. Im Gegensatz zu Godard, Truffaut und Rivette ist Varda nicht cinephil, sie geht kaum ins Kino. Lieber schöpft sie aus dem Leben. Mit „Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7“, einem Stück Cinéma vérité unter der Beteiligung des gerade verstorbenen Jazzpianisten und Komponisten Michel Legrand vor und hinter der Kamera, wird sie über Nacht bekannt. Der Film inszeniert die Sängerin Cléo, wie sie sich zwei Stunden lang durch Paris treiben lässt, während sie auf das Ergebnis einer Krebs-Untersuchung wartet.

Spielball männlicher Autorität, aber von keinem Mann zu fassen

Eine solche Frauenfigur hatte das französische Kino noch nicht gesehen: ein Spielball männlicher Autoritäten, gleichzeitig von keinem Mann zu fassen. In Vardas leuchtendem Farbfilm „Das Glück aus dem Blickwinkel des Mannes“ (1965) beschreibt Varda eine lieblose Ehe, die mit dem Suizid der Hausfrau endet. Kritikerinnen warfen ihr vor, ein rückständiges Frauenbild fortzuschreiben, übersahen dabei aber, mit welcher Empathie sie die patriarchalen Strukturen bloßstellt.

Nach einem Dokumentarfilm über die Black Panther radikalisieren sich Vardas feministische Positionen, doch ihre Filme sind stets mehr als Traktate. Weibliche Subjektivität feiern sie in allen Facetten: mit Sandrine Bonnaire als jugendlicher Ausreißerin in „Vogelfrei“ (Sans toit ni loi, 1985), die einem Freiheitsgefühl folgt, für das die Gesellschaft kein entsprechendes Lebensmodell kennt; mit Jane Birkin als alleinerziehender Mutter in „Die Zeit mit Julien“ (1987), die sich in den 14-jährigen Mitschüler (Vargas Sohn Mathieu) ihrer Tochter verliebt (Birkins eigene Tochter Charlotte Gainsbourg). Oder im Protestsong-Musical „Die eine singt, die andere nicht“ (1977), dem ersten Spielfilm ihrer Produktionsfirma Ciné Tamaris, über die Freundschaft zweier Frauen, die gegen das restriktive französische Abtreibungsrecht kämpfen.

In gewisser Weise schloss sich ein Kreis, als Agnès Varda vergangenes Jahr in Cannes, wo sie für „Vogelfrei“ als erste Regisseurin eine Goldene Palme erhalten hatte, zusammen mit 82 Frauen die Stufen zum Festivalpalais hinaufschritt, um Gleichberechtigung in der Branche zu fordern. In Frankreich war sie längst das alterslose It-Girl der Frauenbewegung.

Auch international hatte man ihren Rang erkannt. Erst im vergangenen Jahr erhielt sie den Oscar für ihr Lebenswerk, gleichzeitig war „Augenblicke“ als bester Dokumentarfilm nominiert. Dass sie ihn dann doch nicht gewann, ist wohl auch der Politik der Academy geschuldet. Dafür stahl die älteste Oscar-Preisträgerin, die es jemals gab, mit ihrem Blumen-Kimono auf dem roten Teppich allen anderen Gästen die Show.

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