Jessica Hausner und ihr Sci-Fi-Film "Little Joe" : Der kleine Alltagshorror

Gen-Experiment und Genre-Etüde: die österreichische Filmemacherin Jessica Hausner und ihre surreale Science-Fiction-Tragikomödie „Little Joe – Das Geschäft mit dem Glück“.

Eine Blume, die glücklich macht. Emily Beecham als Botanikerin Alice erhielt in Cannes eine Palme als beste Darstellerin.
Eine Blume, die glücklich macht. Emily Beecham als Botanikerin Alice erhielt in Cannes eine Palme als beste Darstellerin.Foto: Coop 99

Manchmal erkennt man ja die eigenen Leute nicht wieder. Der Partner, die Liebste, das Kind, wie ausgewechselt erscheinen sie einem. Plötzlich glaubt man sich mit Doppelgängern konfrontiert, die das Original bloß imitieren, samt simulierter Gefühle. In der Psychologie spricht man vom Capgras-Syndrom, in der Filmgeschichte wurde ein Genre daraus: die Körperfresser-Filme. „Little Joe“ von Jessica Hausner ist ein Körperfresser-Film der etwas anderen Art.

Spezialistin für das Unheimliche

Die österreichische Filmemacherin hat sich als Spezialistin für das Unheimliche einen Namen gemacht. Ihre Vorliebe für das Abgründige mag mit ihrem Heimatland zusammenhängen, aus dem bekanntlich die größten Meister für das schwarzhumorige Spiel mit dem Unbewussten stammen, dem Bösen, der Todesnähe. Oder mit ihrer Familie: Hausners Eltern, beide bildende Künstler, werden dem fantastischen Realismus zugeordnet.

Hausner mag jedenfalls Horrorfilme. „Vor allem die erste Hälfte von Filmen wie ,The Bodysnatchers’, in der man noch nicht weiß, wer verrückt ist“, sagt sie. „Darin steckt ja die Frage: Wer bin ich, und wer kann das beurteilen? Mich interessiert der Horror, der im Alltag steckt, das, was wir unter den Teppich kehren. Wir denken zum Beispiel nicht daran, dass wir eines Tages krepieren. Unsere Existenz basiert auf der massiven Grundverdrängung unserer Sterblichkeit“, und schon das sei eine wichtige Quelle des Horrors.

Zwischen Psychologie und Philosophie

Beim Gespräch im Berliner Büro von X-Filme steuert die 47-Jährige voller Elan von schlichten Nachfragen zu „Little Joe“ auf psychologisch-philosophische Themen zu. Wobei sie immer konkret bleibt. Genauso sind ihre Filme: hellsichtig und rätselhaft, mit einer nüchternen, bei genauerem Hinsehen jedoch surrealen, subtil ironischen Bildersprache. X-Filme verleiht „Little Joe“ in Deutschland, eine Genre-Etüde über ein Gen-Experiment.

Jessica Hausner
Jessica HausnerFoto: Evelyn Rois

Die Botanikerin Alice (Emily Beecham) arbeitet mit ihren Kollegen (Ben Wishaw, Kerry Fox) an einer genmanipulierten Pflanze namens Little Joe, deren Duft die Menschen glücklich macht. Die Blume mit den rotzüngelnden Blüten manipuliert ihre Opfer jedoch, unentwegt braucht sie Aufmerksamkeit. Wer ist infiziert, wer simuliert nur? Spätestens als die alleinerziehende Alice ihrem pubertierenden Sohn (Kit Connor) eine der Blumen nach Hause mitbringt und der sich seltsam verändert, beginnt man, auch den Bildern zu misstrauen. Zumal schon der Look des Films einer Ästhetik der Fremdbestimmung gehorcht, mit aseptischem Laborambiente, minimalistisch stilisierten Tableaus (Kamera: Martin Gschlacht), choreografierten Bewegungsabläufen und ausgeklügelter Farbdramaturgie, von Mintgrün bis Feuerrot.

Farbdramaturgie von Mintgrün bis Feuerrot

Wie ist es um den freien Willen bestellt? Wo bin ich originell, wo von äußeren Faktoren beeinflusst? Und was macht die Konsistenz meiner Gefühle aus, was ihre Echtheit? „Little Joe“ lädt zum Verwirrspiel ein. „Jede und jeder von uns spielt verschiedene Rollen, wir tun alle ständig so, als ob.“ Hausner findet es erleichternd, sich einzugestehen, dass Gefühle öfter vorgetäuscht sind, nie ganz authentisch. Besser, als sich etwas vorzulügen.

Jessica Hausner ist ein Ausnahmephänomen, denn kontinuierlich arbeitende Regisseurinnen wie ihre Landsfrau Barbara Albert oder wie Maren Ade in Berlin sind in der internationalen Arthouseszene bis heute eine Minderheit. Ihr Hochschulabschlussfilm „Inter-View“ lief in Cannes, seitdem wurde sie drei weitere Male zu dem weltwichtigsten Filmfestival eingeladen. Mit „Lovely Rita“, dem Liebestod-Drama „Amour fou“ und 2019 mit „Little Joe“, ihrer ersten englischsprachigen Produktion, mit der sie erstmals am Wettbewerb teilnahm. „Jetzt darfst du bei den Erwachsenen mitspielen“, sagte eine Freundin. Emily Beecham gewann für ihr ambivalentes Spiel zwischen nüchterner Wissenschaftlerin und gewissensgeplagter Mutter eine Goldene Palme. Andere Hausner-Werke liefen beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival oder in Venedig.

Erste Produktion in Englisch

„Es gab nichts, wo ich andocken konnte“, erinnert sich die Regisseurin an das Ende ihrer Studienzeit an der Wiener Filmakademie. „Nur männliche Produzenten, die alle 20 Jahre älter waren als ich.“ Also gründete sie mit Gleichgesinnten 1999 ihre eigene Produktionsfirma, Coop 99, und hat als Koproduzentin die Entscheidungsgewalt über ihre Filme, die im Fünfjahres-Rhythmus entstehen. Nicht weil sie Mühe mit der Finanzierung hätte, sondern weil sie sich Zeit nimmt für die Stoffentwicklung. Zur „Filmfamilie“ gehört auch ihre Schwester, die Kostümbildnerin Tanja Hausner. Von ihr stammt die Pastellfarbenpalette von „Little Joe“.

Die MeToo-Bewegung, sagt Hausner, hat sie zu Tränen gerührt. „Es war ein irrsinniges Erlebnis, zu verstehen, dass es eine herabwürdigende Haltung gegenüber Frauen gibt, die viele erlebt und runtergeschluckt haben: von Übergriffen bis hin zu diesen kleinen, leichten Verniedlichungen im Alltag, mit der eine Frau auf Schönheit und Sexappeal reduziert wird. Nichts Schlimmes, nur diese vermeintliche Normalität, dass Frauen eher belächelt und weniger ernst genommen wurden.“ Plötzlich wurde das hinterfragt. „Ich bin nach wie vor geschockt vor Glück darüber, dass das aufgedeckt wurde. Jetzt ist klar, es ist nicht normal.“

Filme mit weiblichen Helden

Nicht zufällig sind ihre Protagonisten ausnahmslos Frauen, wobei am Anfang jedes Films immer eine knappe Idee steht. Ein Mädchen begeht scheinbar ohne Motiv einen Mord, das war der Ausgangspunkt von „Lovely Rita“ 2001: Kann man einen Menschen durchschauen? Auf „Hotel“ von 2004, ihren Horrorfilm ohne Monster mit Franziska Weisz und Birgit Minichmayr, folgte die Wunderglauben-Studie „Lourdes“ mit Sylvie Testud.

Bei „Little Joe“ wollte Hausner einen weiblichen Frankenstein kreieren, gemeinsam mit Ko-Autorin Géraldine Bajard: „eine Wissenschaftlerin, die vielleicht sogar zwei Monster erschafft, die genmanipulierte Pflanze und ihren Sohn“. Das Kind, dieses kleine Monster, das nicht tut, was Mama will: Hausners Stoffideen haben oft mit ihrem Privatleben zu tun.

Ihre früheste Sehschule waren die Ferien mit den Eltern. Andere Familien fuhren ans Meer, die Hausner-Kinder wurden ins Museum geschleppt. „Wir haben nicht in Madrid Urlaub gemacht, sondern im Prado, eine Woche lang jeden Tag. Mein Vater war streng, aber er konnte auch gut und lustig erklären, hat Geschichten in die Bilder hineingelesen.“ Jessica Hausner erwog zunächst ein Psychologiestudium, ihre ältere Schwester Xenia wurde ebenfalls Künstlerin.

Versagen bei der Verfolgungsjagd

Das lineare Erzählen war nie Hausners Sache. Während des Studiums flog sie beinahe von der Akademie, weil sie bei der Aufgabenstellung „Verfolgungsjagd“ versagte. Sie bevorzugt die Ellipse, interessiert sich weniger für das Drama als für das Rätsel. Hausner will beschreiben, dass „wir in einer widersprüchlichen Welt leben, in der eindeutige Antworten ausgedient haben.“ Jessica Hausners Spezialität ist das augenzwinkernd Inszenierte, das betont, aber nie übertrieben Artifizielle. Längst hat sie ihren eigenen fantastischen Realismus erfunden. „Der benimmt sich wie ein Schauspieler? Der sagt einen Text auf? Das Gefühl des Theatralen gibt es auch im wirklichen Leben.“

Auch deshalb mag die Filmemacherin Genre-Remakes. Jeder kennt die Regeln, umso lustvoller kann man sie brechen. In „Der kleine Horrorladen“ von 1986 lebt eine Blume von Menschenblut. Aber die „Little Joe“-Theorie vom mutierten Pflanzenvirus ist keine fantastische Zukunftsmusik, sondern wissenschaftlich wasserdicht. Handelt es sich überhaupt um Science Fiction? Zu schweigen vom Soundtrack des Japaners Teiji Ito, der schon die Musik zu Maja Derens Experimentalfilmen schuf. Tinnitussirren, archaische Klänge, alles schön unpassend hier. Noch eine Verunsicherung.

Weg von der Konsumhaltung

Wer legt eigentlich fest, welche Erzählformen beim Publikum ankommen?, fragt Jessica Hausner. Womit wir wieder bei den Frauen wären. Es sind ja die Männer, ob Festivaldirektoren oder vor ein paar Tagen der Präsident des Auslands-Presseverbands bei den Golden Globes, die betonen, es seien wieder wenig Frauen dabei, weil nicht das Geschlecht zähle, sondern die Qualität. Jessica Hausner findet das lächerlich. „Unsere Bewertung von Dingen ist von unbewussten Vorurteilen gelenkt. Ich war lange nicht für Quoten, aber Qualität ist ein wandelbares, subjektives Chamäleon. Irgendwer sagt, was gut ist, und dann finden es alle gut.“ Das zu ändern, und sei es mit Quotenvorgaben, sei ein gesellschaftspolitischer Auftrag.

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Kino als Bewusstseinsgenerator: Jessica Hausners Filme katapultieren die Zuschauer mit stiller Wucht aus der Konsumhaltung heraus, aus dem Gefüge von Gewissheiten und (Seh-)Gewohnheiten. Alle sind infiziert, alle sind glücklich? Ob die giftig schönen Bilder von „Little Joe“ auf ein Happy-End hinauslaufen oder den blanken Horror, ob es ein richtiges Leben im falschen gibt, das muss das Publikum schon selber entscheiden ("Little Joe" startet am Donnerstag, 8. Januar, in den Kinos).

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