Jessica Pratt live in Berlin : Rotes Glühen

Die kalifornische Songwriterin Jessica Pratt spielte ein kurzes Set im ausverkauften Heimathafen Neukölln.

Lorina Speder
Die amerikanische Singer-Songwriterin Jessica Pratt.
Die amerikanische Singer-Songwriterin Jessica Pratt.Foto: A. Dola Borani

Wie angekündigt verdunkelt sich der bestuhlte Saal im Heimathafen Neukölln um Punkt 22 Uhr. Die Bühne erstrahlt in tiefem Blau und leuchtendem Rot, das auf Jessica Pratt und ihren Kollegen am Synthesizer und Keyboard gerichtet ist.

Die kalifornische Singer-Songwriterin hat kürzlich ihr drittes Album „Quiet Signs“ veröffentlicht, das psychedelische Arrangements mit ihrem reduzierten Gitarrenspiel und ihrer wandelbaren Stimme verbindet. Auffällig sind die eigenwilligen Betonungen. Auch live macht Pratt Konsonanten weich und lässt Vokale nicht nach Lehrbuch klingen. Auf der Bühne wirkt sie erstaunlich unscheinbar und kommt während des kurzen Sets fast ohne Blickkontakt zum Publikum aus.

Sie beginnt mit dem älteren Song „Wrong Hand“, bei dem sie Arpeggien auf der Gitarre zupft und eine märchenhafte Melodie singt, die an irische Volkslieder erinnert. So verträumt geht es auch weiter, bis sie „Poly Blue“ anspielt. Zuvor tippt sie schnell auf ein Effektgerät, das auf dem Tisch neben ihr liegt. Der erste Song aus ihrem neuen Album bringt durch den zusätzlichen Hall großes Klangvolumen auf. Pratts Anschlag und Gesang sind schwungvoll und man meint, ein leichtes Kopfnicken der Musikerin zu erkennen.

Reglos verharrt Pratt in ihrer Sitzposition

Ihre mystische Stimme, die in den Tiefen mal androgyn, quäkend oder verraucht klingt und in den Höhen einen glasklaren Sopran annimmt, füllt den ausverkauften Saal und auch das Publikum scheint aufgewacht zu sein. Der Applaus ertönt nach der kurzen Fantasie etwas lauter.

Trotzdem ist man angesichts der Kommunikationslosigkeit der Musikerin in den Stuhlreihen etwas ratlos. Jessica Pratt wirkt fast erstarrt in ihrer Sitzposition mit übereinandergeschlagenen Beinen. Das Licht sorgt für einen leicht surrealen Eindruck – ihr Körper, das blonde Haar und ihr blasses Gesicht wirken ganz in Rot künstlich. Auch während des stark an Erik Satie erinnernden kurzen Stücks „Opening Night“ bleibt sie regungslos.

Bevor sie das letzte Lied des knapp 40-minütigen Sets anstimmt, liefert sie eine mögliche Erklärung. Sie bedankt sich für die Halsbonbons, die ihr ein Freund vor dem Konzert kaufte. Ihrer Stimme hört man es zwar nicht an, aber vielleicht war sie einfach nicht fit an diesem Abend. Etwas mehr Präsenz hatte man sich von Pratt schon erhofft.

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