Jewgenij Kissin in der Philharmonie : Akkorde aus Granit

Ein triumphaler Abend: Jewgenij Kissin spielt in der Philharmonie Beethovens Hammerklaviersonate und die Préludes von Rachmaninow.

Internationaler Star. Der Pianist Jewgenij Kissin 2015 bei einem Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall.
Internationaler Star. Der Pianist Jewgenij Kissin 2015 bei einem Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall.Foto: Andrew Toth/Getty Images/AFP

Wenn Beethovens 32 Klaviersonaten der Himalaya der Klavierliteratur sind, ist die Hammerklaviersonate der Everest, heißt es. Grund der Bewunderung sind der überbordende, bis zu 20 Minuten lange Adagio-Satz und natürlich die gewaltige, ohrenauspustende, dreistimmige Finalfuge, die heute noch verstörend fremd wirken kann – wie sehr erst im Entstehungsjahr 1817! Es passt, dass einer wie Franz Liszt kommen musste, um Opus 106 zu etablieren: dem unersättlichen Tastenvirtuosen war sie genau das richtige Futter.

Wenn Jewgenij Kissin in der Philharmonie ans Klavier tritt, wirkt er, obwohl dem Wunderkindalter längst entwachsen, wie ein netter Junge, der sich staunend fragt, was er denn vor all diesen Leuten soll. Grundstürzend der Kontrast zur Härte und Präzision des Anschlags, mit dem er sofort ins Allegro einsteigt. Eine Energie, die Kissin im langsamen Satz klug zu zügeln weiß, ohne dass der Spannungsbogen durchhängt. Dieses Adagio, appassionato e con molto sentimento, gerät ihm zum Wachtraum, zum Mysterium, jeder Ton eine Setzung, ein Leuchten in die Dunkelheit hinein. Donnernd, mit Akkorden aus Granit, dabei nicht so irrwitzig schnell wie von Beethoven gefordert, schließlich die Fuga a tre voci, die Kissin immer transparent hält, luzide im Wortsinn: lichterfüllt. Beethoven, der Aufklärer. Allerdings – sein Spiel hat auch die Tendenz, dem Zweifel zu entkommen, sich in Gewissheiten zu flüchten. Man muss an Joachim Kaiser denken, der der Meinung war: „Es entspricht dem Wesen der Hammerklaviersonate wohl doch nicht, wenn ein Pianist sieghaft die Strukturen vorführt und im Übrigen den Anschein erweckt, dass die Sonate überhaupt nicht schwer ist.“

Überhaupt nicht schwer sind für Kissin natürlich auch die Préludes, die Rachmaninow auf die 24 Dur- und Molltonarten geschrieben hat. Wobei er, bei aller Pracht, die Tendenz hat, den Stücken einen militärisch-zackigen Gestus überzustülpen. Er findet aber, etwa in den letzten Takten des Es-Dur-Präludiums, auch zu einem samtweichen Anschlag. Der Abend wird zum Triumph: Nach vier Zugaben, darunter eine fulminant angejazzte Eigenkomposition, macht Kissin Schluss – dabei eine Begeisterung abschneidend, die noch für doppelt so viele Zugaben gereicht hätte.

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