Johannes Burkhardt über den Dreißigjährigen Krieg : Kein bisschen Frieden

Religionskonflikt nur am Rande: Der Historiker Johannes Burkhardt über die Lehren des Dreißigjährigen Kriegs und des Westfälischen Friedens.

Ein archäologischer Mitarbeiter ist in Wittstock an einem Massengrab des Dreißigjährigen Krieges von 1636 damit beschäftigt, Knochen freizulegen.
Ein archäologischer Mitarbeiter ist in Wittstock an einem Massengrab des Dreißigjährigen Krieges von 1636 damit beschäftigt,...Foto: Nestor Bachmann/dpa-Zentralbild/dpa

Um eines vorwegzunehmen: Eine chronologische Erzählung mit detaillierten Schlachtenskizzen oder Personenporträts liefert der Augsburger Historiker Johannes Burkhardt in seinem neuen (und zweiten) Buch über den Dreißigjährigen Krieg nicht. Wer es zur Hand nimmt, sollte sich ein bisschen auskennen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Burkhardt schreibt eine etwas andere Geschichte des epochalen Ereignisses. Ihm geht es um die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Frieden in einem außer Rand und Band geratenen und selbst im sortierenden Rückblick noch schwer zu überschauenden Konflikt. Er will eine „Neuvermessung des Friedensproblems“ bieten. Mit der Konzentration auf diesen Aspekt setzt sich Burkhardt von den neueren Gesamtdarstellungen von Herfried Münkler, Georg Schmidt oder Peter Wilson ab. Das aber macht das Buch auch für eine Allgemeinleserschaft interessant. Denn Burkhardt zieht Lehren aus diesem Krieg, die überzeitlich gelten könnten, wenn es um Friedenssuche geht. Da er einen geschliffenen Stil pflegt und gern auf den Punkt kommt, ist das vergleichsweise kurze Werk ein Lesevergnügen.

Mit der gängigen, aber umstrittenen Ansicht vom deutschen Konfessionskonflikt zwischen Union und Liga kann Burkhardt nicht viel anfangen: Einen Religionskrieg „hat es nie gegeben“. Die konfessionellen und politischen Lager hätten bis zum Ende des Krieges nicht übereingestimmt. Burkhardt vertritt die These vom Staatsbildungskrieg, ausgehend von dem Versuch der böhmischen Stände, ihr Land von der Oberherrschaft der Habsburger freizumachen.

Ein nicht enden wollender„Krieg der Kriege“

Die Habsburger wiederum, nicht nur in Wien herrschend, sondern auch in Madrid, betrieben ihr hegemoniales Projekt der Wiederbelebung einer europäischen Universalmonarchie, in deren Konzept nicht nur der böhmische Aufstand nicht passte, sondern auch das schon weit früher begonnene niederländische Staatsbildungsexperiment. Großmachtvorstellungen hegte auch Gustav Adolf in Stockholm, womit Burkhardt den Kriegseintritt Schwedens erklärt. Dass die französische Krone sich einerseits gegen die Habsburger Ansprüche stellte, andererseits ebenfalls Großmachtambitionen hatte, weitete den Krieg aus.

In diese Mühle geriet das deutsche Reich, das im 16. Jahrhundert eine durchaus stabile aristokratisch-föderale Staatslösung gefunden hatte, in der ein Ausgleich der Konfessionen gelungen war, die nun aber – auch wegen des Zögerns einiger starker Akteure (etwa die sächsischen und brandenburgischen Kurfürsten) – in Gefahr geriet. So kam als zusätzlicher Konfliktgrund die Rettung der Reichsverfassung hinzu. Dieses komplexe Ineinander hat den Konflikt zu jenem „Krieg der Kriege“ eskalieren lassen, der nicht enden wollte.

Die „wahren Kriegsziele“ sind oftmals verschleiert

Für Burkhardt ist er aber auch eine „Großbaustelle des Friedens“. Zu den Friedensbaumeistern zählt er ausgerechnet den Kriegsunternehmer Wallenstein, der als neuer Reichsstand (er hatte sich ja mehrere Herzogtümer ergattert, darunter Mecklenburg) nun den Reichsverband ebenfalls retten wollte, was in Wien zur Entscheidung führte, ihn zu beseitigen. Wallenstein war möglicherweise zu friedlich geworden. Burkhardt geht einige Möglichkeiten durch, schon vor 1648 den Krieg zu beenden – sie entglitten oder wurden nicht genutzt. Dass es in Münster und Osnabrück dann gelang, lag daran, dass man die alte Vorstellung der europäischen Universalmonarchie mit ihrem Hegemonialanspruch überwand und das Europa der Staaten, das europäische Staatensystem, etablierte.

Und wie kann man laut Burkhardt, ausgehend von den Lehren des Dreißigjährigen Krieges, zu Frieden kommen? Zu den Vorbedingungen gehöre die „Erkenntnis der wahren Kriegsziele“, die oftmals verschleiert seien. Nicht Einzelfriedensschlüsse seien zudem in solchen Konflikten die Lösung, sondern allein der große Friedenskongress, auf dem dann auch alle Beteiligten und Betroffenen zusammenkommen müssen. „Minimalisierung des Konfrontativen und Maximalisierung alles Gemeinsamen und schon Erreichten“ empfiehlt Burkhardt als ersten Schritt.

Weitere Zutaten: eine „Ewigkeitsklausel“ (um den Frieden als alle verpflichtendes Hauptziel hervorzuheben), die „Restitution“, also eine Rückkehr zu Vorkriegsverhältnissen, und das Vergeben und Vergessen, letztlich also der Verzicht auf eine Kriegsschulddebatte. Hilfreich kann auch sein, schwierige Entscheidungen einfach aufzuschieben, in der Hoffnung, dass sich die Dinge von selbst erledigen. So gelang 1648 der „Friede aller Frieden“. Es klingt einfach. Übertragen auf den Nahen Osten versteht man freilich, welch ein epochales Ereignis der Westfälische Friede war. Und man ahnt, dass ein Frieden dort ein noch gewaltigeres Projekt sein muss.

Johannes Burkhardt: Der Krieg der Kriege. Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 295 Seiten, 25 €.

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