"Unzeitgemäß", das würde er als Auszeichnung verstehen

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John Berger : Der Philosoph der einfachen Dinge
Pepe Egger
Innerlichkeit des Alltäglichsten. John Berger wurde in London geboren und lebt heute in den französischen Alpen.
Innerlichkeit des Alltäglichsten. John Berger wurde in London geboren und lebt heute in den französischen Alpen.Foto: picture alliance / Effigie/Leema

Seither hat John Berger mit der Stimme eines streunenden Hundes erzählt („King“, Hanser Verlag), eines Häftlings und seiner Geliebten („A und X“, Hanser), mit der des Philosophen Spinoza („Bentos Skizzenbuch“, Hanser) oder jener der savoyischen Bergbauern, unter denen er lebt („SauErde“, Verlag S. Fischer). Nichts liegt ihm ferner, als seine eigenen Befindlichkeiten zum Thema zu machen. Auf jede Frage antwortet er mit einem erzählerischen Schlenker, „a little story“, welche eben nicht eine Antwort auf eine Frage gibt, sondern einen Zusammenhang erleuchtet.

Etwa auf die Frage nach der Sprache als Heimat, nach der Muttersprache als Behausung für einen, der, in London geboren, sich heute als „nationslos“ bezeichnet:„Haben Sie bemerkt“, fragt er, „wenn Sie einen Baum betrachten, eine Birke, eine Eiche, ganz gleich welchen Baum, und dann eines seiner Blätter ansehen, haben Sie bemerkt, wie der Baum als Ganzer versucht, in seiner Form jene des einzelnen Blattes nachzuahmen? Und wenn ich darüber nachdenke, dann möchte ich den Baum zeichnen und der Zeichnung den Namen Eichen-Baum-Text geben, Text, nicht Zeichnung. Denn es ist eine Frage der Botschaft, einer genetischen Botschaft in diesem Baum, und das Gleiche gilt für fast alle Naturphänomene.“ Eine typisch Berger’sche Miniatur, nicht esoterisch vernebelnd, sondern materialistisch-romantisch, der seismografischen Wahrnehmung verschrieben. Unzeitgemäß dazu, doch würde er dies zweifellos als Auszeichnung verstehen.

Genauso unzeitgemäß antwortet Berger auf die Frage, was er, der so viel über die Fotografie geschrieben habe, von der rasanten Vermehrung und Allgegenwärtigkeit digitaler Bilder halte, von dem Umstand, dass wir nun alle digitale Fotografen geworden sind. Noch einmal a little story: „Vor dreißig Jahren schrieb ich eine Serie von Liebesgedichten, und ich wollte, dass jedes Gedicht auch eine fotografische Entsprechung habe, ein Landschaftsbild. Also lernte ich zu, wie man eine Kamera bedient und Fotos schießt. Ich machte meine Bilder und veröffentlichte das Buch, und auch danach fuhr ich für etwa zweieinhalb Jahre fort, zu fotografieren. Doch auf einmal hörte ich auf und verschenkte meine Kamera. Weil ich entdeckte, dass das Fotografieren mich davon abhielt, etwas lang genug zu betrachten. Ich betrachtete und dann: klick. Vielleicht wollte ich klick nicht. Vielleicht wollte ich noch eine Stunde länger betrachten. Und seither habe ich keine Kamera, und ich fotografiere nicht mehr."

Stufenlos erwächst Berger aus dem Betrachten der Welt eine Politik: Er sieht das Furchtbare in dieser Welt und das Schöne darin; das Schreckliche, das Menschen Menschen antun, und die Verhältnisse, die es ermöglichen. Trotzdem, oder genau deswegen, hält Berger an der Hoffnung fest, seiner politisch-poetischen Fassung von Hoffnung: „Hoffnung ist wie die Flamme einer Kerze; sie ist in der Dunkelheit wichtiger denn bei Tag. Doch, so scheint mir, ist die Nahrung dieser Flamme nicht eine optimistische Sicht der Zukunft, ganz im Gegenteil: Zuerst und vor allem ist es die Treue zu den Toten, zu dem, worauf sie hofften, was sie erlitten, was sie erkämpft haben. Hoffnung ist verbunden mit dem Gefühl der Komplizenschaft mit anderen, unzähligen anderen: mit den Lebenden, den noch Ungeborenen und den Toten, die alle gleichermaßen anwesend sind. Und es ist gerade die Gleichheit in dieser Anwesenheit, an der sich die Hoffnung entzündet.“

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