John Burnside beendet seine Trilogie : Ein helles Buch - trotz dunklem Inhalt

Neun Jahre nach dem Welterfolg „Lügen über meinen Vater“ beschließt Burnside mit „Über Liebe und Magie“ seine Trilogie. Er kämpft weiter seiner Vergangenheit.

Gisela Trahms
Dämonenjäger. Der 1955 geborene Dichter und Erzähler John Burnside.
Dämonenjäger. Der 1955 geborene Dichter und Erzähler John Burnside.Foto: Philippe Matsas/Opale/Leemage/laif

Nein, eine schöne Kindheit hat der Schotte John Burnside nicht gehabt. Hoffnungslos verlief sein Leben von früh an, führte ihn über Drogen und Pubnächte in die Psychiatrie und wechselte dann doch die Schienen. John Burnside hat all das in zwei autofiktionalen Büchern erzählt. Nun ein dritter Band, der wieder mit der Kindheit beginnt.

Neun Jahre trennen „Über Liebe und Magie“ vom Welterfolg „Lügen über meinen Vater“. Die darin geschilderte Vergangenheit wirkt fort, klebt ihm unablösbar an den Hacken, aber ihre Beurteilung ändert sich. Über dessen Tod hinaus hat der Autor seinen Vater verachtet, angeklagt, gehasst, um schließlich zu ahnen, warum der Tyrann ein Tyrann war, in welche Existenz-Fallen er getappt war.

Und siehe da, der Sohn, der auf keinen Fall dem Vater gleichen wollte, war auf demselben Weg. In neun Jahren ist er jedenfalls nicht nur älter geworden, sondern hat auch tiefer gebuddelt, einen Prozess durchgemacht, der den Schmerz füttert, andererseits aber zu Tage fördert, was wärmt.

Die Liebe zum Beispiel, und die Worte dafür. Es geht es um Frauen, außerdem um Musik. Um Armut, die unabänderlich scheint. Um die Frage, was man verdammt noch mal mit seinem Leben und seinen Fähigkeiten anfangen soll, ohne sich korrumpieren zu lassen von einer ungerechten, abstoßenden Welt. Nebenbei einfache Fragen: Wo und mit wem sesshaft werden, womit Geld verdienen, wie zu anderen sprechen, wie sich binden, wann sich trennen?

Das Buch ist kein Ratgeber, nicht die Spur, sondern ein Memoir. Burnside erzählt und analysiert, mitreißend führt er vor, wie die Empathie für den Einzelnen und der die Misere sezierende Verstand einander durchdringen. Erfahrungen besitzt er reichlich, und zwar solche, die steinhart machen können.

Burnside findet die richtigen Worte

Burnside schließt sie auf mit der Sprache. Obwohl nur grob chronologisch in kurze Kapitel und „Abschweifungen“ unterteilt, wirkt das Buch wie in einer Nacht geschrieben. Ebenso geduldig wie ungestüm mäandern die Sätze über die Seiten, unterbrochen von lakonischen Bemerkungen. Ein Klima der Üppigkeit, der Verschwendung entsteht durch dieses Sprudeln, aller Trauer, allem Scheitern zum Trotz.

Im Hintergrund hält einer die Fäden zusammen, wählt die richtigen Worte, vielleicht manchmal zu viele, aber das macht nichts, seine Souveränität (und die des Übersetzers) trägt Text und Leser in sicheren Händen. Schwarz vom Inhalt her, ist dies ein helles Buch.

[John Burnside: „Über Liebe und Magie – I Put a Spell on You“. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Penguin, München 2019. 279 S., 20 €.]

Den Anfang macht ein Porträt der Mutter, die mit vorsichtigem, stetem Leuchten den Untergängen trotzt, in die die Versuche des Vaters, einen besseren Job zu finden, die Familie immer aufs Neue stürzen. Ihr Fluchtort ist die Küche und dort vor allem das Radio mit den in- und auswendig gekannten Songs.

Nina Simones „I Put a Spell on You“ ist ihr Favorit, und John glaubt, nie etwas Schöneres gehört zu haben. Es ist auch der Titel der Originalfassung, und der Mutter ist das Buch gewidmet.

Liebesgeschichten, einmal anders

Also kann der Sohn doch von Glück sagen – üblere Verhältnisse sind leicht vorstellbar. Aber da Liebe als Thema angekündigt wird, müssen natürlich Liebesgeschichten folgen. Glücklicherweise protzt Burnside nicht mit Eroberungen.

Sex ist in den Siebzigern vom Drohbild der Schwangerschaft begleitet, die zur Ehe zwingt und die Freiheit ebenso erstickt wie die Liebe. Was soll das überhaupt sein – Liebe? Mündet sie unrettbar in den Alltag einer tristen Bergarbeiterstadt?

Als Jugendlicher entdeckt John das Kino, die alten Schwarz-Weiß-Filme, und ist überzeugt, dass auch sein Verliebtsein in den „feinen Extravaganzen des Grau“ stattfinden wird. „Ich studierte das Vokabular des Monochromen: den gleißenden Schnee in einer Gasse hin zu den 1900er Jahren; Katzentatzenlicht in den Abwässerkanälen Wiens; … die vielen, weiß glühenden Tode von Jimmy Cagney.“

Jemand, der so schreibt, wird doch auch reden können und die Frauen bezaubern. Aber immer wieder bleibt der Erzähler in den entscheidenden Augenblicken stumm. Schweigen bedeutet Abwehr und Versagen, aber die Brillanz, mit der diese Momente beschworen werden, die alles in der Schwebe halten, um bitter zu enden, sind für den Leser Momente des Glücks.

Reisen in die Einsamkeit

An den bürgerlichen Freuden scheitert er ebenfalls: „Ich hatte mich bemüht, sesshaft zu werden. Ich war im Pendlerland in eine Doppelhaushälfte gezogen, hatte mir Bücher über Gärtnern gekauft, im Gartencenter Büsche besorgt, sie eingepflanzt und beschnitten … Ich bemühte mich, einen Ausgleich zu finden zwischen dem guten Leben und meinem Drang, zu verschwinden …“

Nein, nicht zum Aushalten, der Drang treibt ihn fort, er reist, dorthin, wo es einsam ist, nach Skandinavien in die Tundra, wo er sich verirrt und beinahe umkommt, oder nach Amerika, stundenlang im Auto durch kaum besiedelte Gegenden, während die Musik aus dem Radio Erinnerungen weckt und die Sehnsucht köchelt.

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Für das Buch spricht, dass es sich Ausflüge ins Unerwartete gestattet und wieder zurückfindet; dass es vieles nur andeutet (zum Beispiel die Beziehung zwischen Sex und Schmerz, eine Grenzüberschreitung, nach der er wohl süchtig war), und dass es, je länger man liest, desto gleichgültiger wird, ob das Berichtete wahr ist im Sinne von „tatsächlich erlebt“. Es hat seine eigene Wahrheit.

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