Jüdisches Museum Berlin : „Streit gehört zu einer lebendigen Demokratie“

Historiker und Hochschul-Präsident Christoph Stölzl spricht über die Debatte um das Jüdische Museum – und den Plan für ein Exilmuseum am Anhalter Bahnhof.

Das Jüdische Museum in Berlin
Das Jüdische Museum in BerlinFoto: imago images / United Archives

Der Historiker Christoph Stölzl, Jahrgang 1944, ist Präsident der Musikhochschule in Weimar. Er war unter anderem Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums und Berliner Kultursenator. Nach dem Rücktritt Peter Schäfers als Direktor des Jüdischen Museums Berlin berief Kulturstaatsministerin Monika Grütters ihn als Vertrauensperson für den Stiftungsrat. Er ist außerdem Gründungsdirektor des Exilmuseums, das am Anhalter Bahnhof gebaut werden soll.

Herr Stölzl, als Vertrauensperson war es Ihre Aufgabe, die Gemüter im erregten Streit über das Jüdische Museum zu beruhigen. Die Diskussion hat sich nun auf die Akademie des Museums verlagert. Kann die designierte neue Direktorin Hetty Berg ihr Amt im April in Ruhe antreten?
Ganz sicher! Frau Bergs Ernennung ist ein großer Glücksfall. Die Krise des Museums hat damit ein gutes Ende gefunden. Im Kern ging es um höchst kontroverse Erwartungen, die unterschiedliche Gruppierungen dem Haus entgegenbrachten: Soll es vor allem Museum sein, also ein der jüdischen Vergangenheit zugewandter Informations- und Erinnerungsort? Wie weit soll es zugleich Forum für Gegenwartsfragen der multikulturellen Migrationsgesellschaft sein? Wie weit soll es Israel in den Blick nehmen?

Ihr Fazit des Streits?
Wenn jüdische Geschichte unbestritten als Hauptthema den soliden Anker bildet, dann kann man sich auch, von Fall zu Fall, kontroversen Gegenwartsthemen zuwenden. Darum dürfen wir uns auf Hetty Berg freuen! Sie ist eine ausgewiesene Museumsfrau mit langer Erfahrung in jüdischen Themen und jüdischer Geschichte. Davon gibt es weltweit ja nicht viele Persönlichkeiten. Ihre wohlbekannte Kompetenz hat schon jetzt zu einer freudigen Erwartung im Museum geführt.

Hetty Berg hat vor drei Jahrzehnten am Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam angefangen und dort viele Jahre als Chefkuratorin des Jüdischen Kulturquartiers gearbeitet. Kann Berlin von ihrer Herkunft aus den Niederlanden profitieren?
Die Niederlande, einst ein Kolonialreich, haben Deutschland einen in mehreren Jahrzehnten angesammelten Erfahrungsschatz über Ideal und Realität einer multikulturellen, multireligiösen Einwanderungsgesellschaft voraus. Man führt dort seit langem eine leidenschaftliche politische Debatte über die Beziehungen zwischen Gesellschaft, Kultur und Religion - schmerzliche Erfahrungen eingeschlossen. Wer aus den Niederlanden kommt, bringt geschärfte historische Urteilskraft mit.

Wird Hetty Berg an einem Museum anfangen, um das immer noch gestritten wird?
Wenn Frau Berg im April beginnt, liegt die Krise vom Sommer 2019 lang zurück. Dass die Parteinahme gegen oder für die frühere Programmpolitik der Akademie jetzt noch einmal in Leserbriefen und Meinungsartikeln aufkocht, erscheint mir wenig sinnvoll. Neue Argumente habe ich nicht entdecken können. Vermutlich haben nur wenige Menschen den hochspezialisierten Argumentationslinien überhaupt noch folgen können.

Über sinnvolle, Missverständnisse vermeidende Wege im interreligiösen Dialog zwischen Juden, Muslimen und Christen sollte man in Ruhe nachdenken. Jetzt beginnt erst mal eine neue Ära. Ich bin sicher, dass Frau Berg bewährte Formate erhalten und zugleich gute neue Programmideen mitbringen wird.

Der Historiker und Hochschulleiter Christoph Stölzl.
Der Historiker und Hochschulleiter Christoph Stölzl.Foto: Rainer Jensen/dpa

Warum wird über kein anderes Jüdisches Museum so viel gestritten wie über das in Berlin?
Über die Kontroverse ist leider in Vergessenheit geraten, dass das Haus viele Jahre gerade durch seine unkonventionellen Ausstellungs- und Veranstaltungsthemen, auch durch seine bewusste Einbeziehung von Gegenwartskunst das Berliner Kulturleben stark bereichert hat.

Streit über historisch-politische Wertungen, Streit über den richtigen Weg, wird er nur fair geführt, gehört zur Lebendigkeit von demokratischer Kultur. So soll und wird es auch in Zukunft wieder sein. Gelernt haben sicher alle am Streit Beteiligten, dass es gut ist, sich um Ausgewogenheit und behutsames Umgehen miteinander zu kümmern. Und ganz simpel: mehr miteinander als übereinander zu reden.

Wie weit soll das Jüdische Museum Gegenwartsthemen aufgreifen?
Ein Jüdisches Museum handelt selbstverständlich maßgeblich auch von der jüdischen Religion, einem hochbedeutsamen, zentralen Thema in der Geschichte der Humanität. Und auch vom Gegenteil, vom Zivilisationsbruch im 20. Jahrhundert im Holocaust. Der Stoff des Jüdischen Museums ist ein unvergängliches Weltthema, er kann niemanden kalt lassen, die nichtjüdischen Museumsbesucher genauso wenig wie die jüdischen Besucher und die Vertreter der jüdischen Gemeinschaften.

Der Stoff ist also aktuell und politisch auch dann, wenn er scheinbar von Vergangenheit handelt. Und dass Judenfeindschaft und Antisemitismus nicht nur eine lange Vergangenheit haben, sondern auch entsetzliche Gegenwart sind, kommt hinzu. Es gibt keine Gefahr, dass das Museum ein rein antiquarischer Ort wird. Es wird immer starke Emotionen wecken.

Der Streit entzündete sich auch an der Frage, ob Antisemitismus und Antiislamismus verglichen werden dürfen.
In der Wissenschaft ist die vergleichende Vorurteilsforschung möglich und nötig, wenn sie der Erkenntnis dient. Etwas zu vergleichen, bedeutet ja nicht, es gleichzusetzen. Das ist das eine. Das andere ist die Frage, wie weit sich eine der Vermittlung und Information gewidmete Museumsabteilung auf dem Feld der Sozialforschung engagieren soll. Jedenfalls sollte man Missverständnisse über die eigene Rolle vermeiden.

Das Jüdische Museum in Berlin.
Das Jüdische Museum in Berlin.Foto: Imago

Sie sind ja auch Gründungsdirektor des Exilmuseums am Anhalter Bahnhof. Wie werden die beiden Museen zusammenarbeiten?
Wir haben schon vor der Gründung des Exilmuseums ausführlich miteinander gesprochen. Ich erinnere einen höchst konstruktiven Dialog mit Herrn Schäfer, dem damaligen Direktor. Diese Woche treffen wir uns wieder mit den Kolleginnen und Kollegen des Museums. Natürlich kommt das Exil nach 1933 dort in der künftigen Dauerausstellung zur Sprache. Das Exilmuseum wird ungleich detaillierter Hunderte von ausgewählten Biografien aus ganz Mitteleuropa erzählen und selbstverständlich auch das politische Exil von Menschen, die nicht dem Judentum angehörten, wie etwa Willy Brandt, Ernst Reuter, Walter Gropius oder Marlene Dietrich. Wir werden uns sehr gut ergänzen und uns gegenseitig fördern.

Wie geht es beim Exilmuseum voran?
Demnächst beginnt der Architekturwettbewerb. Der Raum- und Gestaltungsplan ist schon weit gediehen, im Frühjahr fällt die Entscheidung über die äußere Gestalt.

Und inhaltlich?
Unser kleines Historikerteam sammelt Biografien, jede davon ist einzigartig. Man liest in Lexika so leicht: „1937 ging N.N. aus Berlin über Prag und Paris nach Brasilien und danach nach New York“. Hinter diesem kurzen Satz verbirgt sich die bittere Realität von existentieller Bedrohung, Vertreibung, Verarmung, von unendlichen Mühen, vom Kampf um Pässe und Visa, von den tödlichen Fallen, die den Exilierten in den zuerst aufgesuchten Nachbarländern Frankreich, Österreich, Tschechoslowakei, Holland und Belgien drohten, als die Deutschen einmarschierten.

Und dann die unendlichen Mühen des Neuanfangs auf fremdem Boden, in einer fremden Sprache. Viele Exilanten haben trotz dieser Barrieren bald eine bedeutsame Rolle in der Kultur der Aufnahmeländer gespielt. Ich nenne stellvertretend nur den Namen Billy Wilder.

Ist denn daran gedacht, auch öffentliche Förderung zu erhalten?
Wir werden Kulturstaatsministerin Monika Grütters gründlich informieren, sobald der Architekturwettbewerb entschieden ist. Das versteht sich von selbst angesichts des Engagements des Bundes auf dem Feld der Exilforschung und Erinnerungspolitik. Als Hauptstifter plant Bernd Schultz nach wie vor, das Museum aus privaten Spenden finanzieren zu können.

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