Jugendbuch : Grenzerfahrung

Ursula Poznanski erzählt in ihrem Jugendthriller „Thalamus“ von skrupellosen Medizinern, die am menschlichen Gehirn Experimente wagen

Was tun, wenn man keine Kontrolle mehr über sein Gehirn hat?
Was tun, wenn man keine Kontrolle mehr über sein Gehirn hat?Foto: psdesign1 Fotolia

Timo rast mit hoher Geschwindigkeit auf seinem Motorroller durch die Nacht. Er freut sich auf die Begegnung mit Hannah, denn sie sind seit sechs Monaten ein Paar, und er hat sich ein tolles Geschenk für sie ausgedacht. Obwohl ihm der Regen die Sicht nimmt, überholt er im gefährlichen Manöver einen Traktor – gerade noch einmal gut gegangen. Aber das Auto, das ihm die Vorfahrt nimmt, sieht Timo zu spät. „Sekundenbruchteile vor dem Aufprall verlangsamte sich die Zeit. Der Knall kam wie aus weiter Ferne, der gewaltige Ruck, der Timo aus dem Sattel hob und ihn über das fremde Auto katapultierte, tat nicht weh. Er flog. Schwebte...“ Und dann ist da nichts mehr.

Ursula Poznanski beginnt ihren Jugendthriller „Thalamus“ mit einem folgenschweren Unfall. Wie soll man solch einen Aufprall überleben? Und in welcher Verfassung? Der Titel mag einen ersten Hinweis geben, denn Thalamus ist ein der Großhirnrinde vorgeschalteter Filter, der die eingehenden Informationen verarbeitet, bevor sie der Großhirnrinde zugeführt werden.

Zunächst scheint sich in Timos Hirn nicht viel zu regen. „Etwas war kaputtgegangen, die Verbindung zwischen seinen Gedanken und der Fähigkeit, sie auszudrücken, existierte nicht mehr.“ Timo scheint im Kopf noch einigermaßen klar zu sein, aber er kann sich nicht mehr ausdrücken oder verständlich machen. Er produziert nur unverständliches Gebrummel. Eines Nachts reißt er sich sämtliche Schläuche ab und wird von den Pflegern an der Tür gefunden, obwohl er doch kaum sein Bein anwinkeln kann. Wie ist er dann zur Tür gekommen?

Timo sagt Dinge, die er eigentlich nicht sagen kann

Poznanski schildert den mühsamen Alltag Schwerstverletzter – Timo erfährt von dem operierenden Arzt, dass man seine Schädeldecke geöffnet und ihn danach in ein künstlíches Koma versetzt habe – das klingt sehr bedrohlich und gefährlich. Für Timo ist das alles ein Albtraum, denn sein Kopf funktioniert wieder. Er kann denken, aber nicht reagieren und nur durch zaghafte Kopfbewegungen kommunizieren. Nach wenigen Wochen kommt er in ein Rehabilitationszentrum.

Dort lernt er Carl kennen, einen Spaßvogel, mit dem er sich gut versteht, obwohl er ja nicht sprechen kann. Carl sorgt dafür, dass er die anderen Mitbewohner kennenlernt. Er fährt ihn im Rollstuhl durch das Haus und den Park. Alles scheint hier in Ordnung zu sein, bis eines Nachts Timos Zimmernachbar Magnus vor seinem Bett steht und sagt: „Ich könnte dich einfach mit meinem Kissen ersticken, wenn ich Lust darauf hätte.“ Tagsüber liegt Magnus fast reglos in seinem Bett. Timo glaubt an eine medizinische Sensation, aber wie soll er jemandem davon berichten? Irgendetwas stimmt nicht in diesem Reha-Zentrum, in dem auch er bald sensationelle Fortschritte macht und dann wieder Rückschläge erleiden muss, Dinge von sich gibt, der er eigentlich gar nicht sagen kann.

Was geht bloß in diesem Kopf voir?
Was geht bloß in diesem Kopf voir?Foto: Loewe

Die Autorin bewegt sich in den Grenzbereichen der Wissenschaft oder beschäftigt sich mit den Folgen technischer Errungenschaften wie etwa den Drohnen in ihrem Roman „Elanus“. In „Thalamus“ widmet sie sich neuesten medizinischen Techniken, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, um nicht das aufregende Ende zu verraten. Poznanski konstruiert einen faszinierenden Plot mit interessanten Charakteren, die auf unterschiedliche Art und Weise mit den schwersten Verletzungen klarkommen müssen. Wer „Thalamus“ liest und per Zweirad auf der Straße unterwegs ist, wird vorsichtiger fahren und einen Helm tragen. Aber das ist nur ein Nebeneffekt dieses spannenden Thrillers, der die Grenzen des ethisch Vertretbaren auslotet. Es geht um Macht und Einfluss, um Ehrgeiz und Karriere. Man denkt gegen Ende zu ahnen, wie die Geschichte ausgeht, doch Poznanski findet immer wieder neue Tricks, die Spannung fast ins Unerträgliche zu steigern. Das macht Lust auf den nächsten Roman.

Ursula Poznanski: Thalamus. Roman. Loewe Verlag, Bindlach 2018. 448 Seiten. 16,95 €. Ab 14 Jahren.

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