Jugendbuch über Neonazis : Die Körperfresser sind gelandet

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis: Manja Präkels’ Wenderoman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“.

Manja Präkels.
Manja Präkels.Foto: Nane Diehl/Verbrecher Verlag

Wenn eine Welt untergeht, verschwinden zuerst die Dinge des Alltags. Was jahrelang da war, unbeachtet, aber praktisch, ist plötzlich weg. Zum Beispiel die Häuschen, in denen die realsozialistischen Arbeiter- und Bauernkinder gesessen und auf den Schulbus gewartet haben. Sie werden über Nacht abgerissen und durch drei Meter hohe Werbewände ersetzt. Bänke und Fahrpläne gibt es nicht mehr, stattdessen monumentale Plakate mit dem Gesicht des Kandidaten der „Allianz für Deutschland“, des christlich-konservativen Wahlbündnisses, das Anfang 1990 in der dahinsterbenden DDR für den schnellstmöglichen Beitritt zur Bundesrepublik wirbt. Auf der Stirn des Politikers prangt der Slogan „Nie wieder Sozialismus“.

Helmut Kohl und Stephan Derrick

Mimi, die Heldin von Manja Präkels’ Wenderoman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ist 14 Jahre alt. Das Land, in dem sie aufwuchs, wird es in einigen Monaten nicht mehr geben. „Ich fürchtete mich vor Helmut Kohl“, erinnert sie sich später. „Eben noch war er im Westfernsehen, direkt vor ,Derrick', in den Nachrichten gewesen. Nun hatte er die Buswartehäuschen geklaut.“ Mimi fühlt sich überfordert, genauso wie ihre Eltern, die Freunde und alle anderen Bewohner der brandenburgischen Kleinstadt, in der sie lebt. Der Aufbruch ist gleichzeitig Abschied, Euphorie mischt sich mit Angst.

Wie die Bushäuschen sind auch die Trabbis, für die man eben noch lange sparen musste, um dann noch länger auf ihre Auslieferung zu warten, quasi wertlos geworden. „Welches Auto?“, fragen die Leute in der Nachbarschaft, und auch wenn noch mit DDR-Geld bezahlt wird, muss jeder, der etwas auf sich hält, nun einen Westwagen vor dem Haus stehen haben. Bei Mimis Eltern ist es ein türkisfarbener Citroën, eine Marke, von der die Mutter schwärmt, seitdem sie bei einer Auszeichnungsreise der Freien Deutschen Jugend in Paris war. Staunend steht die Familie Spalier, als das Traumauto zum ersten Mal auf den Hof rollt. Einige Wochen später ist es nach einem Unfall schrottreif.

Über Nacht ausgetauscht

Präkels beschreibt das Ende der alten und den Anfang einer neuen Zeit in vielen solcher Beobachtungen. Ihre Sprache ist lakonisch, der Humor trocken. Mimi erinnert die plötzliche Verwandlung an einen Horrorfilm, den sie aus dem Westfernsehen kennt: „Die Körperfresser kommen“. „Die Leute auf der Straße hatten sich verändert“, stellt sie fest. „Kam etwas aus ihrem Innern zum Vorschein, das zuvor verborgen geblieben war? Waren tatsächlich die Körperfresser gelandet? Wahrscheinlich trugen die meisten nur andere Kleider, schließlich hatte der Westen nun die Versorgung übernommen.“

Der Mauerfall hat vieles in Bewegung gebracht, im Übergang macht sich Anarchie breit. Lehrer, Eltern und Polizisten verlieren die Kontrolle, Jugendliche rebellieren, indem sie sich Glatzen rasieren, Bomberjacken und Springerstiefel anziehen und Punker, Afrikaner, Obdachlose angreifen. Drogenhandel und Depressionen blühen. Der Russischlehrer mit dem Spitznamen „Breschnew“ erhängt sich. Oliver, ein eigentlich schüchterner Junge aus Mimis Nachbarhaus, steigt zum Neonazi-Anführer auf und nennt sich „Hitler“. Früher haben sie in seinem Kinderzimmer gesessen und heimlich Kirschen gegessen, die in Schnaps eingelegt waren. Ihr erster Rausch. Jetzt bewaffnen sich Hitler und seine Bande und machen im Wald ihre Kampfhunde mit Quälereien scharf. Mimi würde die Hunde gerne retten, aber ihre Angst ist zu groß. Sie fühlt sich wie Timur aus dem sowjetischen Partisanenroman, den sie in der Schule gelesen hat. Nur ohne Trupp.

Krieg in der Havelstadt

Wir gegen sie, es herrscht Krieg. Wobei Mimi und ihre Freunde, die von den Rechten als „Zecken“ gejagt werden, in der Minderheit sind. „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ schildert das Abdriften eines Ortes in die Gewalt. Der Name der so malerischen wie unheimlichen Kleinstadt an der Havel, in der der autobiografisch grundierte Roman spielt, wird nie genannt. Sie lässt sich aber unschwer als Zehdenick identifizieren, wo Präkels 1974 geboren wurde und wohnte, bis sie zum Studium nach Berlin zog.

Einige Passagen, gleichermaßen präzise wie poetisch, wirken wie Tagebucheinträge, andere könnten Reportagen sein. Die „dokumentarische Genauigkeit“ loben auch die Juroren, die dem Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis verliehen haben. „Wir alle gehörten einer sterbenden Welt an“, heißt es einmal. Als ein Mädchen ins Krankenhaus geprügelt wird, ist von einer „neuen Welle der Gemeinheit“ die Rede. Präkels erzählt eine wahre, traurige Geschichte. Den Jungen, der sich Hitler zum Vorbild nahm, gab es tatsächlich. Die Wunden seiner Opfer sind nicht verheilt.

Manja Präkels: "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß". Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2018. 232 Seiten, 20 €, ab 16 Jahren

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