Julian Rachlin im Konzerthaus : Violine und Taktstock

Der österreichische Geiger Julian Rachlin kann auch dirigieren. Mit dem Berliner Konzerthausorchester spielt er Mozart und Beethoven.

Multitalent: Julian Rachlin, Geiger und Dirigent
Multitalent: Julian Rachlin, Geiger und DirigentFoto: Janine Guldener / Konzerthaus

Julian Rachlin hat ein Dirigierstudium bei Sophie Rachlin absolviert. Soweit die knappe Information zu dem Thema im Programmheft. Tatsächlich handelt es sich bei der Lehrerin um die Mutter des agilen Geigers, die in Leningrad ein Klavier- und Dirigentendiplom erworben hat und mit ihrem Sohn 1978 nach Wien emigriert ist, der heutigen Wahlheimat der beiden litauischen Musiker. Sie musizieren daheim zusammen. Und Julian Rachlin beweist als Dirigent, dass Sophie, selber Pianistin, ihre Sache mit dem Taktstock nicht schlecht gemacht hat. Ein Maestro also, der vom Instrument kommt, wie in Berlin als berühmtestes Beispiel der Pianist und GMD Daniel Barenboim an der Staatsoper.

Als Solist international gefragt, hat Rachlin unter Dirigenten wie Maazel, Mehta, Muti, Ashkenazy und Eschenbach gespielt (die beiden letzteren ebenfalls ursprünglich Pianisten). Nun tritt er in leitender Funktion vor das Konzerthausorchester, auch hier als Interpret kein Fremder mehr. Das Programm umfasst vertraute und beliebte Musikliteratur, ohne dass es von Rachlin leichtgenommen würde. Mit seiner Violine geht er beim G-Dur-Konzert in einem Mozart-Programmteil vom Duktus des Themas im Orchester aus, Kammermusiker, der er auch ist, mit einer Interpretation aus der Ganzheit der Partitur. Musikalisch sichere Phrasierung verbindet sich einem Pianissimo-Kult bis zu tönender Stille, einer Art von unpathetisch lieblichem Sound. Um die Geige für diesen Abend abzulegen, eröffnet er mit dem Violinkonzert vor der „Figaro“-Ouvertüre. Die gerät mit deutlich musizierten Presto-Achteln eher altmeisterlich korrekt als brausend, aber als Meisterstück einer Lustspiel-Einleitung.

Rachlin spürt dem Tänzerischen in der Partitur nach

Die Musiker des Orchesters kommen dem Debütanten an ihrem Pult mit verantwortlichem Engagement entgegen, obwohl er nichts aufregend Neues bietet. Beethovens A-Dur-Symphonie leitet er mit seriöser Ausdrucksspannung ein, aufs Ganze der Komposition gerichtet. Diskret fächert Rachlin die Streichergruppen im Allegretto auf, weniger der unerhörte Augenblick als die „Neugeburt der symphonischen Form aus dem Geist der Tanzsuite“ (Paul Bekker) dominiert.

Heimisch in der Wiener Klassikszene, spürt der universell gebildete Musiker dem Tänzerischen in der Partitur und ihren Steigerungen nach. Ohne willensmäßige Haltung oder gar dämonischen Unterton beherrscht das rhythmische Element Julian Rachlins Bild der Symphonie. Großer Beifall.

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