• Junge Kulturkritiker polemisieren: Die Anthologie „Kein schöner Land“ will die deutschen Verhältnisse aufrütteln

Junge Kulturkritiker polemisieren : Die Anthologie „Kein schöner Land“ will die deutschen Verhältnisse aufrütteln

Von der Utopie des Schnitzels bis zur Kastration der Kunst: „Kein schöner Land“ ist ein Essayband mit prominenter Besetzung und Humor. Nur der Witz fehlt.

Isabella Caldart
Lefzen hoch! Ein Hund, eine Kuh, und die Rebellion der Literatur.
Lefzen hoch! Ein Hund, eine Kuh, und die Rebellion der Literatur.Foto: imago

Kommen acht zusammen und beschließen, die deutsche Gegenwart in all ihren Facetten „anzugreifen“: Essen, Mode, Theater, Literatur, Politik, Kunst, Popmusik und Film und Fernsehen.

Was diese acht eint? Nicht viel mehr als ihr Alter – alle sind sie in den Achtzigerjahren geboren. Ein „Angriff der acht auf die deutsche Gegenwart“ soll es werden, so lautet das Konzept der Anthologie „Kein schöner Land“. Was so vielversprechend wie augenzwinkernd vollmundig klingt.

Humoreskes findet sich dann auch gleich in zwei der acht Essays. Der Herausgeber der Anthologie, Leander Steinkopf, untersucht im ersten, pointiert formulierten Text des Bandes das neurotische Verhältnis der Deutschen zum Essen.

Er kommt zu dem Schluss: „Das Jägerschnitzel ist die Utopie.“

Immerhin stehe es für ein deutsches Ideal und zugleich für die Rolle Deutschlands in der Welt: „Man isst still sein Jägerschnitzel, ist glücklich mit sich und lässt die anderen in Ruhe.“

Angriff ohne These

Die Regisseurin und Autorin Noemi Schneider wiederum springt ziemlich flapsig und ohne roten Faden von Daniel Kaiser-Küblböcks Suizid zu David Hasselhoff und „Verbotene Liebe“, von 9/11 zu einem Kunstprojekt, das einen totalitären Staat simuliert, und man merkt: Sie will die Wirkung von Bildern in Film und Fernsehen thematisieren. Trotzdem fragt man sich: Worin besteht ihr Angriff? Was ist ihre These?

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9/11: 18 Jahre danach leiden viele Überlebende an Krebs
9/11: 18 Jahre danach leiden viele Überlebende an Krebs

Simon Strauß ist dagegen von einem anderen Kaliber. Mehrfach zitiert er in seinem in Teilen schon in der „FAZ“ erschienenen Essay „Spielt weiter“ Frank Castorf, der sich gegen „kastrierte“ Moral und „zensierte“, „sterbenslangweilige“ Kunst ausspricht.

Und dann legt Strauß selbst los. Er beklagt, dass man das N-Wort (das er übrigens ausschreibt) auf Bühnen nicht mehr aussprechen würde. Überhaupt käme man mit „moralpolitischen Handlungsnoten“ nicht weit.

Strauß wirft dem Maxim Gorki vor, ein „identitäres Theater“ zu sein. Für ihn ist es ein Ärgernis, dass das Gorki Rollen mit „Migranten“ besetze. Sei es nicht egal, „welche Hautfarbe eine Julia hat“? (Man sollte Simon Strauß darüber aufklären, dass Nicht-Weißdeutsche nicht automatisch „Migranten“ sind).

Abschließend plädiert der FAZ-Theaterredakteur für „kraftstrotzende, schwierige, auch manierierte Männertypen“, um im Theater „die uralten Geschichten von Rache, Betrug und Ehrenmord einigermaßen bewältigen, intellektuell und emotional begreifbar machen zu können“ und wünscht sich eine Zeit der „Ehre und Rache, Ritual und Götterglaube“ zurück.

Das meint er ernst, frei von Ironie, und da lässt sich nur der Kopf drüber schütteln.

Das Bürgertum verliert an Macht

Indirekt führt dann die Bloggerin Katharina Herrmann Strauß’ Text ad absurdum und bezieht Position gegen einen wie auch immer motivierten Kulturpessimismus. Herrmann analysiert unter anderem, dass die Angst der Buchbranche vor eklatanten Umsatzeinbrüchen vor allem eine Angst des Bürgertums vor dem Verlust von Macht ist.

Sie führt Beispiele an, die beweisen, wie vielfältig die deutschsprachige Literatur ist. Es sei der Betrieb selbst, der in der Krise stecke, so Herrmann. „Die Literatur dagegen erfreut sich vielerorts bester Gesundheit und lässt schön grüßen.“

In weiteren Texten spricht sich der Politikwissenschaftler Lukas Haffert gegen rückwärtsgewandtes Denken aus, analysiert Quynh Tran das mangelnde Modebewusstsein der Deutschen, wünscht sich Annekathrin Kohout Ironiefreiheit in der aktuellen Rezeption von Kunst, und zwar um diese wieder „ganz unironisch gut oder schlecht finden“ zu können.

Und der „Spex“-Chefredakteur Daniel Gerhardt macht sich Gedanken über den Zustand der hiesigen Popmusik, mit dem Fokus auf Mark Forster, Max Giesinger und Helene Fischer, die dem Pop „alles Widerborstige“ gründlich ausgetrieben haben.

Ein tieferer Sinn steckt nicht dahinter

So interessant und fundiert die Texte im Einzelnen sind, so verhalten ist der angekündigte Angriff, abgesehen von Strauß, der sich mächtig ins Zeug legt und vor allem selbst entlarvt.

Ein Fragezeichen muss man hinter den Prolog des Bandes setzen. Angelehnt an Thomas Manns Novelle „Gladius Dei“ wird darin beschrieben, wie sich die acht Autoren und Autorinnen in München an der Isar treffen.

Die Ironie ist offensichtlich, ein tieferer Sinn steckt nicht dahinter; und auch das den Band abschließende Gespräch der acht über ihre Thesen (dieses Mal in einer Charlottenburger Kneipe) führt zu keinem weiteren Erkenntnisgewinn.

[Kein schöner Land. Angriff der acht auf die deutsche Gegenwart. C.H. Beck, München 2019. 255 Seiten, 18 €.]

Dies ist auch die Krux des Buches: Die Texte sind gut, nur harmonieren die unterschiedlichen Sujets nicht, die unterschiedlichen, mal ironischen, mal ernsten Herangehensweisen. Und wieder Simon Strauß: Wie kommt er eigentlich in diesen Band?

Gewiss, nichts spricht gegen Meinungspluralität. Nur bekommt die Anthologie dadurch eine Schieflage, eine seltsame Gewichtung, weil der provokanteste politische Angriff von einem einzelnen Autor kommt, den alle anderen souverän abzuwehren verstehen.

Trotzdem, lesenswert ist „Kein schöner Land“ allemal. Und darauf, um im Schlussbild der acht zu bleiben: zwei Pils, zwei Kölsch, einen Weißburgunder, eine Grapefruitschorle und einen Kräutertee.

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