Jurowski und UnitedBerlin : Hommage an Claude Vivier

Von der Unsterblichkeit der Seele: Vladimir Jurowski und das Ensemble UnitedBerlin erinnern an den kanadischen Komponisten Claude Vivier.

Salve Regina. Szene aus Claude Viviers „Hiérophanie“.
Salve Regina. Szene aus Claude Viviers „Hiérophanie“.Foto: Mathias Bothor

„Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele?“, fragt ein junger Mann den Besucher beim Eintritt in den Werner-Otto- Saal. Das ist verblüffend, ein bisschen peinlich sogar, zumal der Fragende Abtastbewegungen andeutet wie bei der Sicherheitskontrolle im Flughafen. Ein bisschen peinlich sei auch Claude Vivier gewesen, sagt Vladimir Jurowski später im Publikumsgespräch, immer sehr laut lachend, ständig händeschüttelnd. Nach einer Idee von Andreas Bräutigam vom Ensemble UnitedBerlin will ein szenisches Konzert Leben und Werk des kanadischen Komponisten würdigen, zum doppelten Gedenken seines 70. Geburts- und 35. Todestages.

„Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele?“ heißt sein letztes Werk, das die Details seines Todes minuziös beschreibt, weit mehr als eine Vorahnung. Auf dem Fußboden liegt eine altmodische Lammfelljacke, wie auf Vivier-Fotos zu sehen; der Schauspieler Max Hopp schlüpft hinein und ist fortan „Claude“, mit allen liebenswürdigen Peinlichkeiten des lonely child. „Always be in love“, flüstert er den Zuhörern zu und fordert sie später zum Nachsprechen auf. Vivier, der seine Eltern nicht kannte, mit drei Jahren adoptiert und später vom Priesterseminar verwiesen wurde, als seine Homosexualität sich zeigte, suchte die Liebes- Utopie der Siebziger. „Alice in Wonderland“ ist für Regisseurin Anisha Bondy der Schlüssel zu seiner Persönlichkeit, das Kindlich-Märchenhafte ebenso wie die zweifelhafte Identität.

Klang- und Menschenerkundung

„Hiérophanie“, ein vierzigminütiges Frühwerk von 1970, inszeniert sie ganz als „heilige Handlung“, als die Vivier alle Musik verstanden wissen wollte. In einer Reihe stehen die Bläser von UnitedBerlin, geben sich an die Stirn tippend einen imaginären Auftrag weiter, spielen scharfe Dissonanzen oder, sich im Raum verteilend, Fetzen von Kinderliedern. Zwei Schlagzeuger, das „Transzendente“ darstellend, antworten mit Gongs und Glocken. Nach langem Schrei singt Allison Bell den antiken Apoll-Hymnus und das „Salve Regina“. Jurowski ist der „Priester“, in schwarzem Talar vom Pult aus mit strenger Miene das Chaos beherrschend. Zwischen komplexer Fantasie und Selbsterfahrungsübung pendelt dieses Stück, mehr aus Anweisungen als aus Tonmaterial bestehend.

Doch Vivier ist kein religiöser Komponist, viel zu sinnlich, viel zu weltumfassend sind seine Klänge, weder einer Strömung seiner Zeit noch einem eigenen Stilanspruch verpflichtet. „Bouchara“ von 1983 entführt in eine Welt rätselhaft sich mischender Klangschichten, ein von Viviers fernöstlichen Studien inspiriertes „Liebeslied“, das Aurélie Franck in langen Linien einer Fantasiesprache intoniert, in feinsten Reizen abgestufter Einstimmigkeit. „Glaubst du an die Unsterblichkeit ...“ schließt als Wiederholung den Bogen dieser Klang- und Menscherkundung. Zarte Melismen und herausgeschleuderte Sprachbrocken des Vocalconsorts Berlins, über denen Bells Sopran schwebt, mischen sich mit einem instrumental-elektronischen Part von unerhörter Sensibilität. Dies bildet den ätherisch akzentuierten Hintergrund zu Hopps verzerrt gesteigerter Erzählung: von der Begegnung Viviers mit einem rätselhaft faszinierenden jungen Mann in der Pariser Metro, der ihm den Dolch ins Herz stößt. Viviers Tod hat sich kaum anders ereignet, quasi ein angekündigter, inszenierter Selbstmord.

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