Jury-Präsident der Berlinale 2020 : Aristokratische Verschlagenheit in der Stimme

Jury-Präsident Jeremy Irons ist der Inbegriff eines Charakterdarstellers. Aber er spielt auch schon mal an der Seite von Batman.

Jeremy Irons, geboren 1948, war 2011 mit „Margin Call“ auf der Berlinale. 1991 gewann er den Oscar.
Jeremy Irons, geboren 1948, war 2011 mit „Margin Call“ auf der Berlinale. 1991 gewann er den Oscar.Foto: Bryan Smith/Imago

Noch bevor man sein Gesicht vor dem inneren Auge sieht, hat man beim Namen Jeremy Irons diese Stimme im Kopf: ein raues Knarzen mit einer schwerzüngigen Melodik, das ein Kritiker einmal mit „in Schokolade getauchtem Granit“ beschrieb. Wie geschaffen für die englische Theaterbühne. Irons’ Stimme vereint Aristokratie und Verschlagenheit, er spielte schon Leontes in „Das Wintermärchen“ und später mit dem Royal Shakespeare Theatre den Don Pedro in „Viel Lärm um nichts“.

Aber er spricht eben auch Scar in Disneys „König der Löwen“, bis heute sein größter Erfolg. Die Sprechrolle ist exemplarisch für Jeremy Irons’ erratische Karriere: Er hat die herrlich derangierte Gesangsnummer „Be Prepared“, gleichzeitig ist sein grollender Scar ein klassischer Bösewicht.

Die Theaterbühne war Jeremy Irons’ Schule, aber sie hat ihn nicht geschliffen. Ihm fehlt die Bravado großer Bühnendarsteller wie Laurence Olivier oder John Gielgud, wie Alec Guinness entstammt er bescheidenen Verhältnissen. (Mutter Barbara war Hausfrau, Vater Paul Buchhalter) In Irons Rollen verbinden sich distinguiertes Drama mit intuitivem Method Acting. Das kommt ihm zugute, wenn er in „Stirb langsam: Jetzt erst recht“ den Widersacher von Bruce Willis spielt.

Mischung aus kühlem Intellekt und Transgression

Irons hat immer die Reibung mit der leichten Kultur gesucht, auch wenn er sich nach eigenem Bekunden diese Filme selten ansieht. Aber die Auftritte in den Videospiel-Adaptionen „Dungeons and Dragons“ und „Assassin’s Creed“ nimmt er genauso ernst wie seine Rolle als Gattinnenmörder in „Die Affäre der Sunny von B.“, für die er 1991 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Jeremy Irons hat den Gestus konservativer Britishness mit einer Bodenständigkeit geerdet. Er spielt lieber den Bösewicht (wie den Chef einer Investmentbank in "Margin Call") als den Gentleman; eine Ehrung zum Ritter, hat er mal gesagt, würde er aus Prinzip ablehnen. Die Rolle des Liebhabers ist ihm nicht auf den Leib geschrieben: In Schlöndorffs Proust-Verfilmung „Eine Liebe von Swann“ scheint er sich unbehaglich zu fühlen, im Frühwerk „Die Geliebte des französischen Leutnants“ wirkt er neben Meryl Streep fast deplatziert. Mit Robert De Niro steht er 1986 als Priester in „The Mission“ vor der Kamera, ein Film, der mit Irons’ sehniger Physis erstmals etwas anzufangen weiß.

Aber es ist sein nächster Film, der diese Mischung aus kühlem Intellekt und Transgression voll ausschöpft. In David Cronenbergs „Die Unzertrennlichen“ spielt er einen Gynäkologen und seinen Zwillingsbruder, die mit derselben Frau eine Affäre beginnen. Manchmal ist es schwer zu erkennen, welchen der beiden Brüder Irons gerade spielt, sie unterscheiden sich nur in feinen Nuancen. Irons kontrollierte Virtuosität verleiht dem Film eine beunruhigende Doppelbödigkeit.

Verständlich, dass Irons in seiner Oscar- Rede noch Jahre später ausdrücklich David Cronenberg dankt – „auch wenn jetzt vielleicht nicht alle verstehen, warum“. Der einfache Grund: „Die Unzertrennlichen“ ist bis heute sein bester Film.

Seine größte Rolle aber ist Bruce Waynes Butler Alfred in den „Batman“-Filmen. In der DC-Serie „Watchman“ spielt er aktuell den enigmatischen Adrian Veidt. Diese Unberechenbarkeit in der Rollenwahl, sein Image als Unangepasster korrespondiert insofern mit Irons’ überholten Ansichten über Homoehe und Abtreibung, für die er sich schon vor Jahren entschuldigte – ohne diese aber zu revidieren. 2009 unterstützte er auch die Exkulpation von Roman Polanski. Künstler und Werk. Zweifellos: Die Berlinale hat einen Jury-Präsidenten berufen, der für so manche überraschende Entscheidung gut sein könnte.

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