Jutta Lampe zum 80. : Wie sie uns gefällt

Ihr Geheimnis ist die Klarheit. Keine Diva, aber ein Star: Zum 80. Geburtstag der Schauspielerin Jutta Lampe.

Vivat! Jutta Lampe bei der Verleihung des Gertrud-Eysoldt-Preises 1999.
Vivat! Jutta Lampe bei der Verleihung des Gertrud-Eysoldt-Preises 1999.Foto: picture-alliance / dpa

Als Jutta Lampe im Mai 2010 in der Berliner Akademie der Künste den nur alle fünf Jahre vergebenen Joana-Maria-Gorvin-Preis erhielt, las Hanns Zischler für den alle öffentlichen Auftritte scheuenden Autor Botho Strauß dessen Laudatio vor. Strauß war der wichtigste lebende Dramatiker für Jutta Lampe und die von ihr zusammen mit Edith Clever, Bruno Ganz oder Otto Sander repräsentierte frühere Berliner Schaubühne.

„Jutta Lampe“, ließ Strauß da sagen, „war nie eine Diva, nie Publikumsschwarm oder Star – nicht einmal eine ,Tatort’-Kommissarin.“ Also keine Switcherin zwischen den Medien. Trotzdem war sie die Protagonistin in Margarethe von Trottas Film „Die bleierne Zeit“, spielte in Peter Steins Verfilmung seiner (und Botho Strauß’) Theaterversion von Gorkis „Sommergästen“. Und einige der großen Schaubühnenaufführungen ab 1970 und davor schon Steins legendärer Bremer „Torquato Tasso“ wurden ja für das Fernsehen aufgezeichnet.

Ein Idol der Schaubühne

So bleibt Jutta Lampes viele Jahre mädchenhaftes, selbst im Alter noch die junge Frau wachrufendes Gesicht: mit der leicht vorgewölbten Stirn, den vollen, doch nie schmollmündigen Lippen und dem wachträumenden Blick. Bleibt die schlanke Gestalt, deren Gebärden noch im Tragischen, im von ihr seltener als bei der Kollegin und Freundin Edith Clever gewagten Pathos eine kühle Sanftmut bewahren. Grazie zeigen. Anmut. Worin ein Mut steckt, den die Lauten und Groben gar nicht mehr kennen.

Natürlich war sie kein Schwarm und kein Pin-up-Star. Ihr einstiger Regisseur und Lebenspartner Peter Stein sagte bei jener Preisfeier, sie habe den „Geist der Schaubühne“ verkörpert. Man könnte freilich sagen: Jutta Lampe war und ist auch ein Idol. Wohl keine Theaterschauspielerin ist in Berlin und über Berlin hinaus so geliebt worden im letzten halben Jahrhundert wie sie. Verehrt hat das Publikum Edith Clever, die als Tragödin der Diva näher schien. Clever war die blutige grandiose Klytaimnestra 1980 in der Schaubühnen-„Orestie“. Am Ende die versöhnende, die Dämonen bannende Göttin Athene aber, blütenweiß gegen die schwarzen Geister der Erinnyen gesetzt, spielte Jutta Lampe. Als Orests Beschützerin ließ sie anstelle der antiken Blutrache die erste Idee des Rechtsstaats aufblitzen.

Sie, die heute 80 Jahre alt wird, gehört zu den wenigen ihres Metiers, die sogar die Flüchtigkeit der schauspielerischen Geste und Stimme im Gedächtnis halten, wenn alle Bilder und Töne längst vergangen sind. Jutta Lampe prägt so etwas wie Inbilder. Überdauernde Klänge. Ihre Stimme hat eine besondere Melodik wie sie bei den männlichen Spielern etwa ein Oskar Werner hatte. Unverwechselbar, bezaubernd. Wie in der Klassik die Callas, im Pop Elvis Presley. Doch ein Star.

Sie spielte die südlichen Frauen immer virtuos

Geboren wurde sie in Flensburg. Und hat die doch eher südlichen Frauen, ob antike Griechinnen oder die von Kleist, ob Strauß-Figuren oder von Goethe oder Tschechow, immer mit einer virtuosen Wohltemperiertheit gespielt. Ihr Geheimnis ist die Klarheit, um ein Wort Paul Valéries zu gebrauchen. Und nochmals Strauß: „In Mythen-Begriffen würde man sagen: eine Schaum- und Kopfgeburt, gleichermaßen aus Vernunft und Sinnlichkeit entsprungen.“

Besonders schön (neben so viel Schönem), wie Jutta Lampe als preußische Prinzessin Nathalie in Kleists „Prinz von Homburg“ dem von ihrem Onkel Kurfürst wegen Ungehorsams in der Schlacht zum Tode verurteilten Homburgprinzen begegnete. Keine Liebesblinde, vielmehr eine Liebessehende und -sehnende. Homburg (Bruno Ganz), der Tatenträumer, glaubt sich im Recht – bis er im Gefängnisgespräch mit Nathalie plötzlich begreift und das Urteil akzeptiert. Nathalie kann in dem Moment noch nicht wissen, dass dieser letzte Todesmut erst die Chance zum Leben, weil zur Begnadigung eröffnet, aber sie sagt zu ihm: „Du gefällst mir.“

Sie mag die Aufzeichnungen ihrer alten Rollen nicht mehr

In allen „Homburg“-Inszenierungen, die ich sah, war dies eine Bemerkung unter vielen. Nur bei Jutta Lampe an der Schaubühne waren jene drei Worte: eine jähe Offenbarung. Lampe leuchtete in der düsteren Nachtszene wie eine zweite Sonne, ein lautloses Lachen und dann die Betonung mit einer leichten Stimmhebung auf der zweiten Silbe des zweiten Worts: „Du gefällst mir!“ Eine Liebe, buchstäblich, die hier der Fall ist.

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Neben Stein waren ihre großen Regisseure Peter Zadek, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy, Bob Wilson. Einmal war sie auch unter Edith Clevers Regie vor 15 Jahren in Wien Becketts Endzeitkomödiantin, die Winnie in „Glückliche Tage“. Und 2005 sahen wir sie zusammen mit der Clever im Berliner Ensemble in Bondys Aufführung von Botho Strauß’ Duell der älteren Damen „Die eine und die andere“. Heute nun ist sie wegen einer Krankheit nahezu verstummt, lebt gut betreut in Charlottenburg-Wilmersdorf, hört gerne Bach, Pergolesi, barocke Kirchenmusik. Aufzeichnungen ihrer alten Rollen mag sie nicht mehr. Und als Jutta Lampe mit dem Gedächtnis die Angst vor dem Gedächtnisverlust zu verlieren begann, sagte sie zu Freunden: „Früher war ich eine Schauspielerin. Heute bin ich die Freiheit.“ Ein toller Satz. Möge sie noch lange darin frei sein.

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