Kamasutra der Pop-Art : Dorothy Iannone ist Lady Liberty

Eine US-Künstlerin in Friedrichshain: Die Galerie Peres Projects zeigt die radikal verspielten, immer wieder zensurbedrohten Arbeiten von Dorothy Iannone.

Angela Hohmann
Traumfrau. Dorothy Iannones Gemälde „Statue of Liberty“ von 2019.
Traumfrau. Dorothy Iannones Gemälde „Statue of Liberty“ von 2019.Foto: Peres Projects

Ihr Werk war fast vergessen, als junge Kuratoren sie im Vorfeld der Berlin Biennale 2005 wiederentdeckten. Seither wird sie weltweit ausgestellt, in Berlin zuletzt groß vor fünf Jahren in einer Retrospektive in der Berlinischen Galerie. Da war Dorothy Iannone, die 1933 in Boston geboren wurde, 1976 nach Berlin kam, schon 80 Jahre alt. Ihr Leben gleicht einem Abenteuer, einer endlosen künstlerischen Rebellion, die erst spät gewürdigt wurde. Im Berliner Gropius Bau hört man sie derzeit in einer Ode an die Stadt mit rauchig-trunkener Stimme „And Berlin will always need you“ singen.

Auch in der Galerie Peres Projects, die jüngste Werke von Iannone zeigt, ertönt ihre Stimme, hier allerdings in einem ganz anderen Timbre. Viel heller und klarer erklingen in leichtem Singsang die Zeilen des Sonetts „The New Colossus“ von Emma Lazarus aus dem Jahr 1883. Eine Bronzetafel mit diesem Gedicht befindet sich seit 1903 im Inneren des Podestes, auf dem die amerikanische Freiheitsstatue thront. Zeilen aus dem Gedicht sind als tanzende Buchstaben an den Wänden der Galerie zu sehen, flankiert von drei Wandmalereien der fröhlich-freizügigen Lady Liberty, einer Figur, auf die Iannone seit den sechziger Jahren immer wieder zurückgreift.

Ihre Lady Liberty ist in dem für Iannone typischen psychedelisch ornamentalen Stil gehalten, in quietschbunten Farben und voller Ekstase. Das Zepter gleicht provokant einem Phallus. Ein weiterer Siebdruck zeigt Lady Liberty nackt mit Lockenpracht, prallen Brüsten und deutlich sichtbarem Geschlecht. So hatte Iannone schon in den Siebzigern ihre Zeitgenossen geschockt. Seit damals zeigt sie ihre Figuren bewusst als geschlechtliche Wesen, oft vereint in allen möglichen Spielarten des Geschlechtsaktes, ein regelrechtes Kamasutra der Pop Art.

Ianonnes Kunst sprüht nur so vor Farbenpracht und verspielter Erotik

Auslöser für die erotische Explosion in ihrem Werk war die Begegnung mit Dieter Roth, die auch nach der Trennung der beiden 1974 weiterwirkte. Er ist ihre männliche Muse, so wie es für Lady Liberty ihr Lord Liberty ist. Diese Figur ist als Cutout aus Holz bei Peres zu sehen, ein männliches Fantasiewesen, auch hier mit großem Geschlecht. „People“ nennt Iannone diese Figuren, die mehr als einmal der Zensur zum Opfer fielen. Verdacht auf Pornografie!

Die bei Peres ausgestellten Werke (Preise auf Anfrage) zeigen noch einmal die frische, unkonventionelle und radikal subjektive Kunst von Ianonne, die vor verspielter Erotik, explodierender Farbenpracht und fließender Ornamentik nur so sprüht. Die Wurzeln dafür liegen in der Hochzeit der Hippiekultur, als man den Mief der fünfziger Jahre abstreifte und sich von allem befreite: von sexuellen Tabus, gesellschaftlichen Konventionen und politischer Gängelei. Ein Fest der Freiheit.

Peres Projects, Karl-Marx-Allee 82; noch bis 19.4., Mo–Fr 11–18 Uhr

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