• Kamerafrau des Berlinale-Favoriten: "Die Figuren müssen existieren, mit ihrem Körper, ihrem Gesicht“

Kamerafrau des Berlinale-Favoriten : "Die Figuren müssen existieren, mit ihrem Körper, ihrem Gesicht“

Hélène Louvart stand bei gleich zwei Beiträgen im Wettbewerb hinter der Kamera. Eine Begegnung.

Dunja Bialas
Hélène Louvart drehte „Todos os mortos“ und „Never Rareley Sometimes Always“.
Hélène Louvart drehte „Todos os mortos“ und „Never Rareley Sometimes Always“.Foto: DAVIDS/Christina Kratsch

Im Gespräch ist die französische Kamerafrau Hélène Louvart, die schon mit einigen der wichtigsten Namen im europäischen Autorenkino gearbeitet hat, ganz nahbar. Immer wieder zwinkert sie einem über ihre randlose Brille zu; sie kann das mit beiden Augen, es wirkt ein wenig schelmisch, komplizenhaft. Persönliche Nähe sei wichtig für ihre Arbeit, meint sie. Für jeden Film entwickelt sie einen eigenen Stil, in enger Zusammenarbeit mit den Regisseuren und Regisseurinnen. Louvart nimmt sich die Zeit, immer auch die weibliche Form zu nennen.

Im Wettbewerb liefen dieses Jahr gleich zwei Filme, bei denen die 55-Jährige hinter der Kamera stand. Mit „Todos os mortos“ des Regie-Duos Caetano Gotardo und Marco Dutra ist sie nach Karim Aïnouz’ „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ zum brasilianischen Kino zurückgekehrt. Sie findet ruhige, durchkomponierte Bilder für die Epoche des späten 19. Jahrhunderts, kurz nach der Abschaffung der Sklaverei. Ganz anders „Never Rarely Sometimes Always“ der Amerikanerin Eliza Hittman, hier geht sie mit ihrer Handkamera ganz dicht an die beiden weiblichen Hauptfiguren heran, enge Close-ups und Detailaufnahmen lassen New York unscharf verschwimmen.

An beiden Werken zeigt sich ihre stilistische Bandbreite. Wichtig sei ihr bei der Auswahl, dass die Filme aufrichtig seien, erzählt sie. Sie sehe sehr genau hin, worauf sie sich einlässt. Seit Beginn ihrer Karriere in den neunziger Jahren hat sie so ein junges und innovatives Gesamtwerk geschaffen, in ihrer Filmografie finden sich Namen wie Jacques Doillon, Virginie Despentes und Pia Marais, aber auch viele Debüts. 2018 wurde sie mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet.

Eine Szene aus "Todos os mortos"
Eine Szene aus "Todos os mortos"Foto: Foto: Hélène Louvart/Dezenove Som e Imagens/Berlinale/dpa

Grundsätzlich geht Louvart in ihrer Arbeit von einem essenziellen Realismus aus. „Wir können die Wirklichkeit sehen, sie liegt vor unseren Augen. Es ist gut, beim Realismus zu beginnen – aber nur, um ihn zu sublimieren, ihn anzuheben.“ Einen Film zu drehen, heißt nach ihr, etwas freizusetzen, das unsichtbar ist. Sie interessiert das Imaginäre, die interpretierte Wirklichkeit.

„Never Rarely Sometimes Always“ wirkt sehr subjektiv. „Man blickt selbst viel weniger, ist bei den Figuren, sieht mit ihnen, folgt ihrer Bewegung“, so Louvart. Dagegen ist das Historiendrama „Todos os mortos“ deutlich stilisierter. Zusammen mit den Regisseuren habe sie ein Lichtkonzept entwickelt, das den Themen Kolonialismus und Rassismus eine eigene Visualität gebe. Die dunklen Szenen in den Innenräumen, für die Louvart berühmt ist, sind nur vom Kerzenlicht spärlich beleuchtet.

Irrealer Kontrast

Dagegen erscheint die Außenwelt, die durch die großen Fenster hereinfällt, fast überbelichtet. Der Kontrast wirkt irreal, ein mentales Bild für den Seelenzustand der Protagonistin Ana. „Mir geht es darum“, sagt Louvart, „spüren zu lassen, dass die Figuren existieren, dass sie da sind. Mit ihrem Körper, ihrem Gesicht.“

Mit Hittman hatte sie bereits an dem Coming-out-Film „Beach Rats“ (2017) gearbeitet. Ob ein Debüt gut ist, erkennt sie, wenn sie sich mit den Filmemacherinnen trifft. „Ich kann einschätzen, ob sie ihren Film wirklich gut im Kopf haben.“ Ihr Gespür gibt ihr recht, mit Alice Rohrwacher arbeitet sie seit „Corpo Celeste“ von 2011 zusammen. Wichtig sei ihr, dass sich die Filme „ehrlich“ anfühlen und Themen behandeln, „die die Gesellschaft und den Blick auf sie voranbringen“. Sie sorgt dann dafür, dass die Geschichte, die Ästhetik und das Thema organisch zusammenfinden. Louvart ist überzeugt, dass sich im Kino Unterhaltung mit einem „nützlichen Thema“ verbinden lasse. „Wenn man dann noch eine kinematografische Grammatik untermischt, wird es großartig.“

Louvart spricht wie eine sensible Theoretikerin der Kamera. Sie hat genaue Vorstellungen über ihre Aufgaben, würde sich aber niemals aufdrängen. Ihr geht es darum, dass die Regisseure ihre eigenen Wege realisieren. Mit Agnès Godard gehört Louvart heute zu den gefragtesten Kameraleuten Frankreichs. Die beiden sind seit Claire Denis’ „Vers Mathilde“ (2005) befreundet, zusammen drehten sie die dokumentarischen Tanzszenen. Diese Projekt hat Louvart wiederum in Kontakt mit Wim Wenders gebracht.

Oscar-Nominierung 2012

„Wim kannte den Film und hat bei Claire Denis Informationen über mich eingeholt. Ob ich vertrauenswürdig bin“, erzählt sie amüsiert. Sie musste ihm dann gestehen, dass sie noch nie in 3-D gedreht habe, „es hat ihn beeindruckt, dass ich ehrlich bin“. Das Experiment habe sie aber interessiert, prompt wurde „Pina“ 2012 für den Oscar nominiert.

Vehement wehrt sie sich jedoch gegen die Vorstellung, einmal einen allzu ästhetischen „Kamerafilm“ zu machen. „Die Kamera muss unsichtbar sein“, sagt Louvart, „es müssen die Filme der Regisseure bleiben.“ Wenn sie einmal eine auffällige Kamerabewegungen benutzt, wie einen Zoom in „Todos os mortos“, dann entsteht das konzeptionell, in Zusammenarbeit mit den beiden Regisseuren. Solche Stilmittel setze sie aber eher punktuell ein. „Ein Film nur aus Bildern“ – das ist für die Kamerafrau Hélène Louvart das Schlimmste.
„Todos os mortos“: 29. 2., 17 Uhr (Cinemaxx 7), 1. 3., 16.45 Uhr (Friedrichstadtpalast), „Never Rarely Sometimes Always“: 1. 3., 19.30 Uhr (Friedrichstadtpalast)

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