Kammermusikfestival „intonations“ : Das klingt himmlisch

Elena Bashkirova über Verbindungslinien zwischen „intonations“ und der Jerusalem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin.

Festivalgründerin Elena Bashkirova in der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin.
Festivalgründerin Elena Bashkirova in der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin.Foto: Jule Roehr

„Diese Hügel waren früher grün, jetzt sind sie weiß“, sagt Elena Bashkirova, während sie im Jüdischen Museum Berlin die großen Luftbildfotografien von Jerusalem und Umgebung betrachtet. Und die Pianistin meint damit nicht etwa Schnee – der hier sowieso fast nie fällt –, sondern sie will sagen: Die Hügel sind alle bebaut. Jerusalem wächst, frisst sich in die Landschaft hinein, kratzt mit fast 900 000 Einwohnern an der Millionengrenze.

Es ist Israels größte Stadt. Und die ständig wachsende Bebauung ist, wie fast alles hier, auch ein politisches Zeichen. Der Staat Israel versucht, einen Halbring jüdischer Siedlungen anzulegen, der Ost-Jerusalem vom palästinensischen Hinterland abschneidet. In der Ausstellung, die Elena Bashkirova gerade besucht, wird auch das thematisiert.

„Welcome to Jerusalem“ heißt sie. Und sie ist derzeit die wichtigste Schau des Jüdischen Museums Berlin, da die ständige Ausstellung bis 2019 überarbeitet wird. Elena Bashkirova kommt quasi vom Flughafen, erst gestern war sie in Jerusalem. Die Stadt nimmt einen Platz in ihrem Herzen und in ihrer Biografie ein – obwohl sie dort gar nicht wohnt. Sondern in Berlin-Dahlem, viele Jahre schon. Aber vor über 20 Jahren hat sie, die in der Meisterklasse ihres Vaters Dmitri Bashkirov am Moskauer Tschaikowski-Institut Klavier studiert hat, in Jerusalem ein Kammermusikfestival ins Leben gerufen. Es erfreut sich großer Beliebtheit in West-Jerusalem, seit sieben Jahren existiert mit „intonations“ auch ein Ableger in ihrer Wahlheimat. Genau hier, im Jüdischen Museum Berlin.

In Jerusalem wird alles politisch

Jetzt lässt sich Elena Bashkirova von Kuratorin Margret Kampmeyer durch die Ausstellung führen, betrachtet das zentrale Exponat: ein großes, detailliertes Modell des Tempelbergs im Jahr 1879 von Conrad Schick, wendet sich dann frühen Fotografien des russischen Viertels zu, einer der ersten Ansiedlungen außerhalb der Altstadtmauern. Auch Mishkenot Sha’ananim, dessen Gründer Moses Montefiore mit einem Porträt präsent ist, gehört zu den Vierteln, mit denen die moderne Besiedelung ihren Anfang nahm.

Elena Bashkirova hatte hier, in Mishkenot Sha’ananim, für einige Jahre sogar eine Wohnung. Eine Anekdote kann sie auch gleich mit einem anderen Exponat verknüpfen, einer Ikone Kaiser Konstantins und seiner Mutter Helena. „In Westeuropa vergisst man leicht, dass die christliche Tradition in Jerusalem vor allem von Orthodoxen getragen wird, weniger von der römischen Kirche“, erklärt Margret Kampmeyer. Elena Bashkirova betrachtet das Bild und muss schmunzeln. Die Kaisermutter trägt ihren Namen. „Namenstage sind für Russen fast noch wichtiger als Geburtstage“, erzählt sie. „Am 21. Mai bekomme ich immer viel Post.“

Das Jerusalemer Festival hat sie inzwischen geteilt, in eine Februar- und eine Septemberphase. Eine Streuung, mit der sie hofft, das Ziel noch besser zu erreichen: Jerusalems kulturelles Leben zu bereichern in einer Zeit, in der die Säkularen nach Tel Aviv abwandern, die Stimmung in der Stadt immer mehr von den Religiösen dominiert wird. Aus der Politik versucht sie das Festival weitgehend rauszuhalten. Gerade in Zeiten, in denen viele entsetzt sind über die Entscheidung des US-Präsidenten, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen. Und manche begeistert.

In Berlin geht nur um Musik

Jetzt steht erstmal das Berliner Festival an. Im Glashof des Museums wird am 21. April die siebte Ausgabe von „intonations“ starten. Und passend zur Ausstellung – die vor allem die Heiligkeit Jerusalems in den Mittelpunkt rückt – bilden biblische Stoffe einen Themenstrang. Elena Bashkirova selbst spielt zur Eröffnung mit Alexander Knyazev Händels „Ankunft der Königin von Saba“ in einer Bearbeitung zu vier Händen, außerdem Beethovens zwölf Variationen über ein Thema aus Händels „Judas Maccabäus“ und Max Bruchs „Kol Nidrei“. Komplettiert wird der Eröffnungsabend durch Haydns „Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuz“. Am 23. April steht Prokofjews Ouvertüre über hebräische Themen auf dem Programm, zwei Tage später folgt „Les rêves du Jacob“ von Darius Milhaud.

Der Zauber von „intonations“ wird auch dieses Jahr wieder in der berauschenden Fülle an Künstlern und Werken bestehen. Und darin, auf Konventionen keine Rücksicht zu nehmen, etwa dass ein Konzert nach zwei Stunden beendet sein muss. Elena Bashkirova hat wieder viele befreundete Musiker wie den Klarinettisten Karl-Heinz Steffens, den Geiger Kolja Blacher oder die Bratschistin Madeleine Carruzzo eingeladen. „Auf manche“, sagt sie, „warte ich auch so lange, bis sie endlich Zeit haben.“ Mojca Erdmann etwa wird am 25. April das „Chanson perpetuelle“ von Ernest Chausson singen.

Auch der israelische Senkrechtstarter Lahav Shani ist dabei – und Michael Barenboim, ihr Sohn. Wer Elena Bashkirova mit ihrem Ehemann Daniel Barenboim erleben will, sollte sich frühzeitig Karten für den 22. April sichern: Dann spielen beide Schuberts Fantasie f-Moll zu vier Händen. Es geht eben auch mal ganz unbiblisch.

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