• Kampf zwischen alten und neuen Medien: Digitale Informationen sind Wegwerfinformationen

Das digitale Wort ist ein Wegwerfartikel

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Kampf zwischen alten und neuen Medien : Digitale Informationen sind Wegwerfinformationen
David Gelernter

Die Veränderung unseres Zeitgefühls ist der vielleicht wichtigste Aspekt der digitalen Revolution. So, wie handgeschriebene Briefe und Bücher ein bedachtsames, gedankenvolles Lesen und Schreiben anregten, erzeugt die immer kleiner werdende Lücke zwischen Schreiben und Publizieren den Druck, immer mehr und schneller zu schreiben. Zugleich vergrößert die Flut von Texten den Druck, auch schnell und nicht mehr allzu sorgfältig zu lesen.

Es gibt noch eine weitere Gefahr für das, was ich den „existenziellen Status des Wortes“ nenne. Das digitale Wort, in Form von Bitcodes gespeichert, ist flüchtig. Es ist ein Wegwerfartikel, wie Pappbecher oder Plastikgabeln. Die praktischen Aspekte des Konkurrenzkampfs zwischen digitalem und realem Buch werden oft diskutiert. Aber wir reden zu wenig über die symbolische Bedeutung dieser Veränderung. Vielen fällt es schwer, ein Buch wegzuwerfen, selbst wenn sie es weder brauchen noch mögen. Die Bücherverbrennungen der Geschichte erinnern wir als Verbrechen gegen die Menschheit. Aber es fällt uns nicht schwer, digitale Zeichen mit ein paar Befehlen zu löschen.

Digitale Information ist Wegwerfinformation. Digitale Bücher sind Wegwerfbücher. Kürzlich hatte ich ein faszinierendes Erlebnis auf dem Times Square in New York. Auf einem großen Plakat wurde für eine Ausstellung der Qumran-Rollen geworben. 2100 Jahre alte hebräische Sätze standen direkt neben gigantischer Reklame für Broadway-Shows und iPhones. Jeder, der des Hebräischen mächtig ist (und davon gibt es in New York viele), konnte die alten, mit Tinte auf Pergament geschriebenen Worte lesen. Das geschriebene Wort ist seit mehr als 2000 Jahren ein verlässlicher Bedeutungsträger. Wird die digitale Welt die nächsten 2000 Jahre aufbewahren? Oft ist es ja schon schwer, einen alten PC zum Laufen zu bringen.

Eine Bibliothek ohne Bücher?
Eine Bibliothek ohne Bücher?Foto: dpa

Wie bewahren wir die Qualität des Lesens und Schreibens und die Würde des Wortes nun auf, in einer Zivilisation, die ihre Worte so unsagbar schnell in die Cybersphäre bewegt, kaum dass je ein zweiter Gedanke auf sie verwendet würde? Zum Teil geht es darum, was wir Kindern und Jugendlichen beibringen. Natürlich sagen die: Es dauert zu lange, Information in Büchern zu suchen. Ich muss das richtige Buch finden, den richtigen Teil des Buchs. Vielleicht muss ich sogar in eine Bücherei gehen, und wer weiß, vielleicht werde ich da von einem Wolf gefressen.

Aber wir wollen genau das: dass Kinder ihr Tempo drosseln und gut lesen. Bücher sind immer noch das beste Mittel, ihnen beizubringen, nicht bloß zu lesen, sondern es bedachtsam und gedankenvoll zu tun. Das physische Buch fügt dem geschriebenen Wort Gewicht, Substanz und Würde hinzu. Deshalb müssen wir einen Kompromiss zwischen echten und digitalen Büchern finden. Letztere sind unter bestimmten Umständen nützlich, etwa wenn man auf Reisen nicht zu schwer tragen möchte. Aber das physische Buch ist immer noch das beste Design der westlichen Geschichte. Nur die Tastatur und das Ziffernblatt kommen dem nah.

Was ist so brillant an Büchern? Schon Form und Größe sagen viel über ein Buch aus. Ein Kunstbuch braucht große Seiten, ein Gedichtband eher kleine, ein Reiseführer dünne. Man kann leicht in einem Buch blättern, wenn man etwas sucht. Man kann es am Strand oder auf einem Berg lesen und muss niemals Batterien aufladen. Man kann sich auf ein Buch stellen – und es kann trotzdem noch 2000 Jahre alt werden. Man kann Notizen auf seine Seiten schreiben, die an Wichtiges erinnern. Bücher sind schön – manche mehr als andere, und alle helfen, einen kalten, kargen Ort etwas wärmer erscheinen zu lassen.

Wie es aussieht, könnte der Erfolg der elektronischen Bücher reale Bücher bald zu raren Luxusgütern reduzieren – weil E-Books billig sind. Sie müssen nicht gedruckt, gebunden und ausgeliefert werden. Aber mit dem Rückgang der Kosten und der Beschleunigung von Produktion und Distribution ist auch der Niedergang des Schreibens und Verlegens verbunden. Man kann derzeit nicht sagen, ob Verleger eine Überlebenschance haben. Das ist nicht gut für die Klarheit und Qualität der Sprache sowie der Information. Auch nicht für die Würde des Worts.

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