• Karin Sander in der Akademie der Künste: Räume für Konzentration und Vorstellungskraft

Karin Sander in der Akademie der Künste : Räume für Konzentration und Vorstellungskraft

Stoff zum Grübeln in der Akademie der Künste: Karin Sander lässt andere Akademie-Mitglieder ein Kunstwerk beschreiben, das ihnen wichtig ist.

Claudia Wahjudi
Berliner Künstlerin Karin Sander.
Berliner Künstlerin Karin Sander.Foto: Thilo Rückeis

Gerade weil der Saal so gut wie leer ist, gibt es viel zu sehen. Wer ein Smartphone dabei hat, kann die Internetseiten aufrufen, deren Adresse und QR-Code an der Saalwand hinten auf weißem Grund stehen, und einen der dort stehenden Namen anklicken. Dann öffnet sich Text, und jeder Text lässt Bilder, Szenen, Filme, ganze Welten entstehen. Was genau, hängt von den Kenntnissen der Lesenden ab - oder von ihrer Fantasie.

"Telling A Work of Art", "Ein Stück Kunst erzählen" heißt die Ausstellung der Berliner Künstlerin Karin Sander in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Sie ist Teil der Reihe "Wo kommen wir hin", die sich Sander gemeinsam mit dem Komponisten Manos Tsangaris und der Akademie-Vizepräsidentin, der Schriftstellerin Kathrin Röggla ausgedacht hat. In Konzerten, Gesprächen, Lesungen und Filmvorführungen geht es seit Ende März darum, ob sich die künstlerischen Disziplinen tatsächlich für einander geöffnet haben. Und ob sie mit dem Wandel in Politik, Gesellschaft, Technik und Wirtschaft Schritt halten. Sander, seit 2007 Mitglied des Hauses, hat dafür Feldforschung an der Akademie betrieben. Auf ihre Bitte haben andere Mitglieder ein Kunstwerk beschrieben, das ihnen wichtig ist, und ihr den Text darüber, manchmal ist es auch eine Skizze, zugeschickt. Knapp 70 Antworten sind Anfang Mai zu lesen gewesen, im Lauf der Ausstellung sollen weitere dazukommen.

Auf den ersten Blick eine heitere Arbeit

Am ersten Freitag im Mai waren in dem Saal zudem über Kopfhörer auch Aussagen von Jugendlichen über ihre Zukunft zu hören, Der Soziologe Harald Welzer und sein Team von der Berliner Stiftung Futur Zwei hatten sie gesammelt, der Künstler Christoph Meyer stellte sie gemeinsam mit Schauspielern zu einem knapp viertelstündigen, intensiven Hörstück zusammen. Zukunft, so die Essenz hörbaren Forschung, können sich junge Menschen heute offenbar nur schwer vorstellen. Zusammen mit Sanders eingesammeltem Kanon konnte der Audiowalk die bange Frage wecken, ob all das ganze Kulturerbe der Alten nicht die Vorstellungskraft der Jungen ersticke.

Doch auch ohne die soziologische Intervention gibt Sanders Konzeptkunst Stoff zum Grübeln. Dabei ist "Telling A Work of Art" auf den ersten Blick eine heitere Arbeit, auch, weil sie den Kulturvoyeur im Besucher weckt. Welche Kunst nennt die Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel, welche der Museumsmann Wulf Herzogenrath, womit präsentieren sich Lothar Böhme, Hans Neuenfels, Peter Lilienthal, Sibylle Lewitscharoff und Emine Sevgi Özdamar? So einfach gestrickt, zeigt die Arbeit, ist man dann ja doch.

Die eigene Disziplin verlassen nur wenige

Doch in erster Linie geht es darum, was Worte auslösen können. So weckt Meerapfels präzise Beschreibung einzelner Einstellung aus Alfonso Cuaróns Film "Roma" genaue Vorstellungen von der Netflix-Produktion, die kürzlich im Kino Furore machte. Matthias Flügges sehr persönlicher Aufsatz ruft Magrittes Gemälde "Le mois de vendanges" mit den vielen Melonen tragenden Herren vor offenem Fenster auf. Die eigene Disziplin verlassen haben allerdings nur wenige Teilnehmende. Zum Beispiel der Dichter Lutz Seiler: Begeistert schildert er Spuren am Gebäude des New Yorker Guggenheim-Museums, die von der Handwerkskunst seiner Erbauer zeugen. Meist bleiben Schriftsteller dann doch bei der Literatur, Künstler bei der Kunst, Regisseure beim Theater oder Film. Und kaum jemand schaut über den europäischen Horizont hinaus.

Selbstverständlich lässt sich Sanders Arbeit auch zuhause oder unterwegs lesen. Der Reiz der Ausstellung aber besteht nicht zuletzt darin, dass in dem weiß gestrichenen Saal mit Blick auf den Akademiegarten und in den Himmel nichts ablenkt. Räume für Konzentration und Vorstellungskraft zu schaffen: Auch das könnte eine Aufgabe von Kunst sein, die mit dem Wandel einer mit Bildern und Dingen überversorgten Gesellschaft Schritt halten will. 

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10,  18.5.-2.6., Mo bis So 15  –  22 Uhr, www.tellingaworkofart.de Wo kommen wir hin? Bis 2.6., Programm unter www.adk.de

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