"Karl Marx beim Barbier" : Beim Barte des Proleten

Hat Karl Marx sich ein Jahr vor seinem Tod den Bart komplett abrasieren lassen? Der Literaturkritiker Uwe Wittstock begleitet den Revolutionär zum Barbier.

Joseph Wälzholz
Karl Marx und der Bart gehören zusammen. Das Marx-Monument in Chemnitz.
Karl Marx und der Bart gehören zusammen. Das Marx-Monument in Chemnitz.Foto: Jan Woitas/picture-alliance/dpa

Karl Marx ohne Bart ist wie Trinidad ohne Tobago. Das eine ist ohne das andere zwar nicht vorstellbar, aber möglich. Nun hat der Literaturkritiker Uwe Wittstock eine biographische Annäherung vorgelegt, in der er die wenig bekannte Episode, wie Marx rund ein Jahr vor seinem Tod sich von seinem Bart getrennt hat, ausführlich rekonstruiert. Uwe Wittstock sieht in der Rasur einen symbolischen Akt: Indem Marx sich seinen Prophetenbart habe barbieren lassen, habe er von seiner Existenz als Revolutionär Abschied genommen. Wenn das stimmt, muss oder musste der Vollbart als Symbol für eine revolutionäre Einstellung gelten. Als besonders revolutionär wird man jene Vollbartträger, die einem ad hoc einfallen, allerdings nicht bezeichnen wollen: Rudolf Scharping (SPD), Wolfgang Thierse (SPD), Kurt Beck (SPD), Martin Schulz (SPD), Wilfried Gliem (Wildecker Herzbuben) usw. 1994 hat die SPD ja sogar die Bundestagswahl verloren, weil der stets glattrasierte Helmut Kohl gegen den Kanzlerkandidaten Scharping den Slogan plakatieren ließ: „Politik ohne Bart“.

Zurück zu Karl Marx’ Barbierbesuch. Es wäre interessant zu wissen, ob der Science-Fiction-Autor und Bartträger H. G. Wells von Marx wusste, als er den Satz schrieb: „Some day, if I am spared, I will write The Shaving of Karl Marx“. Ein Buch mit diesem Titel hat dann freilich nicht Wells, sondern der SF-Autor Leon Stover verfasst. Der Zusammenhang zwischen kommunistischen Führungspersönlichkeiten und Bartrasur ist in der Tat auffallend. So hat bei der jüngsten russischen Präsidentschaftswahl der kommunistische Präsidentschaftskandidat Pawel Grudinin mit dem Videoblogger Juri Dud gewettet, dass er, Grudinin, mindestens 15 Prozent der Stimmen erhalten werde. Sonst werde er sich den Bart abrasieren. Offiziell erhielt Grudinin dann nur knapp 12 Prozent. Er sagt zwar, er sei sicher, in Wirklichkeit viel mehr als 15 Prozent erhalten zu haben, hat aber, um nicht als Spielverderber zu gelten, sich den Bart tatsächlich rasiert.

Unglückliche Kieferverhältnisse korrigieren

Zurück zum Barbierbesuch. Marx selbst schreibt wörtlich, er habe seinen „Prophetenbart und die Kopfperücke weggeräumt“. Bis heute hat niemand recherchiert, was genau das bedeutet: Hat Marx sich den Bart wirklich komplett abrasieren lassen? Oder hat er, um eine Bartkategorisierung des Schriftstellers Philander von Sittewald anzuführen, vielleicht ein Zirkelbärtel, ein Schneckenbärtel, ein Jungfrauenbärtel, ein Dellerbärtel, ein Spitzbärtel, ein Entenwädele, ein Schmalbärtel, ein Zuckerbärtel, ein Türkenbärtel, ein spanisch Bärtel, ein italienisch Bärtel, ein Sonntagsbärtel, ein Osterbärtel, ein Lillbärtel, ein Spillbärtel, ein Drillbärtel, ein Schmutzbärtel, ein Stutzbärtel oder ein Trutzbärtel stehen lassen? Oder wie man heute sagen würde: ein Hipsterbärtchen? Im Film „Ein deutscher Prophet“ wird jedenfalls gezeigt, wie Marx-Darsteller Mario Adorf bei einem Barbier in Algier sitzt und sich ein bisschen den Bart stutzen lässt, doch ist am Ende der Prozedur der Vollbart durchaus noch voll. Alles andere wäre für die an Adorf gewohnten Fernsehzuschauer auch befremdlich gewesen, schließlich trägt er auch im echten Leben Vollbart.

Zurück zu Karl Marx’ Barbierbesuch. Es ist geradezu, als ob Marx, bei einem Barbier in Algier sitzend und seinen Bart, dieses angebliche Zeichen für Weisheit, Ehre, Kraft, Erfahrung, Macht, wegräumen lassend, einer Empfehlung des ehemaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck hätte folgen wollen. Er gab einmal jemandem den Tipp gab, er solle sich waschen und rasieren. Einen ganz einleuchtenden Grund dafür, sich eben gerade nicht zu rasieren, sondern Bart zu tragen, lieferte der Ästhetikprofessor und Bartträger Friedrich Theodor Vischer: „Dass die Freiheit, ihn nach Belieben zu tragen, schon darum ein Gewinn der neueren Zeit ist, weil sie ein Mittel gibt, unglückliche Kieferverhältnisse zu korrigieren, haben wir schon vor Zeiten nicht vergessen anzuerkennen“. Über Uwe Wittstocks Buch gäbe es noch vieles, sehr vieles zu sagen, aber wie immer ist es natürlich am besten, sich sein eigenes Urteil zu bilden.

Uwe Wittstock: Karl Marx beim Barbier. Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs. Blessing Verlag, München 2018. 288 Seiten, 20 €.

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