Katharina Sieverding in Palermo : Feine Antennen

Die Fotografin Katharina Sieverding macht zur Manifesta in Palermo in einer privaten Ausstellungshalle Furore.

Goldstück. Sieverdings Arbeit „Looking at the Sun at Midnight“ (1973) im Haus der Kunst Palermo.
Goldstück. Sieverdings Arbeit „Looking at the Sun at Midnight“ (1973) im Haus der Kunst Palermo.Foto: Klaus Mettig/VG Bildkunst, Bonn 2018

Was einem in Palermo während der Manifesta widerfährt, haben schon einige Autoren beschrieben. Doch man muss die Erfahrung selber machen, um zu verstehen, wie das Faszinosum dieser Stadt funktioniert. Die Manifesta, die als Wanderbiennale alle zwei Jahre stattfindet, hat sich aus der Komfortzone Zürich, wo sie 2016 gastierte, diesmal an den Saum des Mittelmeers begeben. Nach Palermo, Siziliens Hauptstadt, wo afrikanische Migranten im Hafen landen – und von Bürgermeister Leoluca Orlando freundlich empfangen werden, weil er sie nicht als Bürde, sondern als Hoffnung für seine Stadt begreift.

Die Manifesta als Kunstereignis hat es auch hier nicht leicht, allein schon weil ein Großteil der Werke kaum gegen die wahnwitzige Realität Palermos ankommt. Verfallende Palazzi, die Spuren mafiöser Baupolitik und ein botanischer Garten von atemberaubend morbider Schönheit: Diese Stadt erzählt sich an jeder Ecke selbst. Alles andere wirkt dagegen wie ein Imitat der Wirklichkeit.

Auch das „Haus der Kunst“, vom Verein Düsseldorf Palermo e. V. auf dem Gelände des Cantieri Culturali Alla Zisa installiert, weckt erst einmal ganz große Assoziationen. Man denkt an München, den imposanten Bau der Kulturinstitution aus NS-Zeiten – und steht vor einer Halle mit Rolltor. Zeit zum Wundern bleibt jedoch kaum, denn sobald Vereinsgründer Michael Kortländer die Räume aufschließt, trifft einen die Kunst hier mit aller Wucht.

Stadtentwicklung, öffentlicher Raum, Migration

„Am falschen Ort“ zeigt Arbeiten von Katharina Sieverding. Es sind auf Wandplakatgröße gebrachte Fotoschichtungen. Die ältesten stammen von 1969 – und selbst die frühen Bilder der Düsseldorfer Künstlerin wirken in ihrer politischen Brisanz weit unmittelbarer als ein ganzer Teil der eigens für die Manifesta entstandenen Werke. Die Ausstellung „Am falschen Ort“ ist ein assoziiertes Projekt im Dschungel jener Kollaborationen, die die Manifesta diesmal eingegangen ist. Sie lässt sich leicht übersehen und liegt entfernt vom Gravitationszentrum der künstlerischen Interventionen. Dennoch lohnt ein Besuch, weil er jenseits von allem Charme des Ruinösen Palermos Potenzial sichtbar macht.

Das „Haus der Kunst“ ist eine Schöpfung des Vereins, der sich schon 2016 die Halle auf dem ehemaligen Areal einer Möbelfabrik gesichert hat. Michael Kortländer, selbst Künstler aus Düsseldorf mit einem Jahrzehnte währenden Faible für Palermo, wirkt als Motor hinter dem Städtepartnerprojekt, das mit wenig Geld und viel privatem Engagement verwirklicht wird. Kortländer beobachtet die Entwicklung der sizilianischen Metropole seit den siebziger Jahren, er kennt Orlando und bewundert dessen Konsequenz als Reformer – seine Unbestechlichkeit gegenüber der Mafia ebenso wie die Beschwörung von Kultur als Heilmittel der Heimat. Orlando hat auch die Manifesta eingeladen. Und Kortländer, dessen Verein seit zwei Jahren unter anderem Kunst von Konrad Klapheck oder Felix Droese nach Palermo bringt und hier sehenswerte Ausstellungen kuratiert, vollführt mit der jetzigen Auswahl eine Punktlandung bezüglich der Biennale-Themen: Stadtentwicklung, öffentlicher Raum, Migration.

Palermo verändert sich rasant

Im Werk von Katharina Sieverding sind solche Reizwörter seit über vier Jahrzehnten präsent. Seit ihrer Studienzeit bei Joseph Beuys befasst sich die Künstlerin mit individuellen wie auch globalen Prozessen und stellt Fragen nach ihren politischen und gesellschaftlichen Bedingungen dafür. Provokante Statements im Großformat sind ihr Markenzeichen, fast wünscht man sich einen Teil der 14 Arbeiten auch im Außenraum. Motive wie das titelgebende Bild „Am falschen Ort“ fielen garantiert im Stadtbild auf. So war es schon in Düsseldorf, wo Sieverding ebenfalls den öffentlichen Raum mit ihrem Plakat überzog: eine Montage des Flüchtlingslagers Zaatari nahe der syrischen Grenze, in dem knapp 200 000 Geflüchtete leben, und dem schematischen Bild zweier russischer Soldaten, die ein Kampfflugzeug mit einem Sprengkörper beladen. Klarer kann man Ursache und Wirkung in einem Bild kaum miteinander verbinden.

Mit seiner Entscheidung für Palermo zeigt Michael Kortländer zugleich eine feine Antenne für die Zukunft einer Stadt, die sich mit Orlandos politischem Regiment rasant verändert. Als sich der Verein zur Anmietung der Halle entschloss, gab es auf dem künftigen Campus für Kreative und Start-ups wenige Nachbarn wie etwa das Goethe-Institut. Inzwischen herrscht hier Aufbruchstimmung, jüngster Zuwachs ist eine Dependance des renommierten Londoner Goldsmith Instituts. Wo immer sich Palermo kulturell entwickelt – der kleine Verein aus Düsseldorf gehört zu den ersten, die es genau am richtigen Ort begleiten und vielleicht sogar Einfluss nehmen können.

Haus der Kunst, Cantieri Culturali Alla Zisa, Via Paolo Gili, Palermo; bis 4.11.

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