Kathrin Sonntag im Kindl-Zentrum : Dinge, die ihr Ding machen

Falschspielerin: Die Berliner Künstlerin Kathrin Sonntag treibt im Neuköllner Kindl-Zentrum die Augentäuschung auf die Spitze.

Dorothea Zwirner
Bild aus Kathrin Sonntags Serie "Problems and Solutions".
Bild aus Kathrin Sonntags Serie "Problems and Solutions".Foto: Kathrin Sonntag / Kindl-Zentrum

Welches Bild mag sich wohl auf der Vorderseite der Spielkarte befinden, deren Rückseite wie gerahmt auf einem Sockel steht? Unwillkürlich wollen wir das Geheimnis lüften, ob es sich um eine Herzdame oder einen Kreuzbuben, eine Niete oder ein Ass handelt. Unterliegen die Dinge dem Zufall oder dem Schicksal? Ist Kathrin Sonntag eine Falschspielerin oder Wahrsagerin? Mit dem unscheinbaren Werk „Joker“ spielt sie ihren schönsten Trumpf aus und treibt ein ernstes Spiel mit uns. Denn die Dinge sind bei ihr nicht gegensätzlich, sondern gegenseitig. Und da es das Ding an sich nicht gibt, müssen wir den Dingen ihren Lauf lassen.

In ihrer Ausstellung „Things doing their thing“ im Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst überlässt die in Berlin lebende Fotokünstlerin den Dingen jedoch nur scheinbar ihren Lauf. Als kämen sie mitten hinein in den Ausstellungsaufbau mit herumliegenden Leitern, Paletten, Kabeln, Werkzeugen und unfertig gestrichenen Wänden werden die Besucher zu Schülern des Sehens. Fototapeten vom Ausstellungsraum wechseln und überlagern sich mit Einzelfotos und Farbflächen, so dass reizvolle Durchblicke und Augentäuschungen entstehen, die zwischen intellektuellem Spiel und ästhetischem Stillleben changieren.

Aus Fotos und Farbflächen entstehen „Dinglinge“

„Problems and Solutions“ heißt die fotografische Installation, mit der Sonntag ihre Improvisationskunst bis zur Perfektion treibt, um die Stärke menschlicher Schwächen zutage treten zu lassen. Sei es ein Haus, das um einen Baum herum gebaut ist, eine selbst gebastelte Regenrinne samt Abluftrohr, die sich zu einer eigenwilligen Skulptur gemausert hat oder ein schlapper Wischmopp, der mit seinen nassen Fransen erschöpft an einer Mauer hängt. Es sind einfallsreiche oder krude ad-hoc-Lösungen, die denselben Charme und Esprit der Brikolage versprühen wie Fischli Weiss in ihrem beliebten Kettenreaktions-Film „Der Lauf der Dinge“. Mit dem Schweizer Künstlerduo teilt Sonntag den Feinsinn und die Täuschungsmanöver ihrer Kunst, die neben der wahrnehmungstheoretischen immer auch eine zutiefst menschliche Dimension hat.

Auch in den neuen Fotocollagen von Kathrin Sonntag, die von Objekten aus dem New Yorker Metropolitan Museum ihren Ausgang nehmen, verselbständigen sich die Dinge und beginnen ihr Eigenleben zu führen. Aus collagierten Fotos und Farbflächen entstehen die sogenannten „Dinglinge“, die wie jedes Kind bestimmte Ähnlichkeiten zu Vater und Mutter aufweisen und doch ganz eigene Geschöpfe sind. Mit der fröhlichen Anarchie einer Mary Poppins ertüchtigt Sonntag ihre Ding- oder Schützlinge zur eigenständigen Existenz, auch wenn sie dafür zunächst die Ordnung der Dinge auf den Kopf stellen muss.

Sonntag setzt sich dem Zufall bewusst aus

Doch schließlich kommt mit ihrer Diaprojektion endlich wieder „Alles in Ordnung!“. Die Dreikanaldiaprojektion kombiniert Text- und Bildbausteine aus dem Kosmos eines deutschen Versandkatalogs zu einem Geflecht absurder Poesie. Mit ihrem Sinn für Wortspiele und Kalauer untersucht Sonntag die Werberhetorik der Imperative für die moderne Hausfrau, in der sich ein beharrliches Muster gesellschaftlicher Rollenbilder und Konventionen offenbart.

„Schutz vor ,Zufall’!“ lautet einer der Werbeslogans für Türstopper. Doch Kathrin Sonntag will gerade nicht vor dem Zufall schützen. Sie setzt sich ihm bewusst aus und schärft die Sinne für die Zufälle des Lebens. Darum: Wer dem Zufall eine Chance geben will, sollte unbedingt selbst nach Neukölln in die von Andreas Fiedler kuratierte Ausstellung gehen, um herauszufinden, welches Bild sich auf der Vorderseite des Jokers befindet.

Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, Maschinenhaus 2, bis 27. Januar, Mi bis So 12–18 Uhr

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