Kultur : Kein Mao ohne Marx

Ende der Abhängigkeit: Was die Berliner Museen aus dem Streit mit dem Sammler lernen können

Christina Tilmann

Es wäre eine Katastrophe für die Berliner Museen: Wenn Erich Marx, wie angekündigt, seine Sammlung aus dem Hamburger Bahnhof abzieht, verschwände damit ein Großteil des Bestands: kein Beuys mehr und kein Warhol, kein Twombly und kein Anselm Kiefer, auch die zuletzt angekauften Werke der Gegenwartskunst wären verloren.

Für den 86-jährigen Sammler war der Kunsthändler Heiner Bastian, der die Sammlung kuratorisch betreute, Garant für das Wohlergehen seiner Sammlung. Seit Bastians fulminantem Rücktritt am Wochenende war klar: Auch Marx würde reagieren. Aber nun übt er nicht nur Kritik, er will am liebsten all seine dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellten Werke zurückziehen. Ob die Vertragsgestaltung, die 2005 nochmals überarbeitet worden war, einen einseitigen Ausstieg des Sammlers zulässt, wird man sehen – am Dienstagnachmittag traf er sich mit den Beteiligten der Berliner Museen. Es sei ein „gutes Gespräch“ gewesen, war von der Stiftung am Abend zu erfahren. „Es wird nun geklärt, wie nach dem Ausscheiden von Heiner Bastian die Frage der persönlichen Verbindung der Sammlung Marx mit dem Hamburger Bahnhof gelöst werden wird.“ Das heißt wohl: Man verhandelt neu. Doch für das Binnenklima, die Konstitution der Museen ist der Vorgang so oder so fatal – zeigt er doch erneut die gefährlich große Abhängigkeit der deutschen Museen von privaten Sammlern.

Der Hamburger Bahnhof ist nicht das erste Haus, das in Konflikt mit Sammlern gerät. Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, das die Sammlung Bock verlor, das Kunstmuseum Bonn, das nach dem Verkauf der Sammlung Grothe nicht mit den Neubesitzern einig wurde, das ZKM in Karlsruhe, das um die Sammlung Froehlich fürchtet: Immer wieder erweist sich die Liaison als fatal. Für Berlin, das mit den Sammlern Berggruen, Marx, Flick, Marzona und Gerstenberg jeweils eigene Vereinbarungen getroffen hat, zum Teil auf Dauerleihgabenbasis, sind solche Konfliktfälle besonders heikel – schon wegen der Vielzahl der Deals.

Die Abhängigkeit ist nur Teil des Problems, welches auch Heiner Bastian zum Anlass seines Rücktritts genommen hat. Dass etwas schiefläuft zwischen den Museen und der Kunstszene, ist schon lange offensichtlich. Die harsche Kritik, die Bastian am Hamburger Bahnhof und den Verantwortlichen übt (Tsp. vom 25. März), ist nicht neu. Im Falle von Bastian ist sie wohl auch durch eigene Interessen gesteuert. Aber auch andere Künstler, Galeristen oder Sammler beklagen das mangelnde Interesse an Gegenwartskunst von Seiten der Berliner Museen. Nur so konnten private Institutionen wie die Kunst-Werke in der Auguststraße oder die Fotogalerie c/o Berlin ihre Alleinstellung erlangen.

Beklagt wird, dass Berliner Künstler, die international gefeiert und andernorts mit Ausstellungen bedacht werden, in den Museen der Stadt kaum zu sehen seien. Und beklagt wird vor allem, dass der 1996 gegründete „Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart“ seinem Namen keine Ehre mache. Denn auch wenn Marx und Flick in ihren Sammlungen Gegenwartskunst anhäufen – eine kontinuierliche Ankaufspolitik von Seiten des Museums findet nicht statt. Kann auch nicht stattfinden: Kein Berliner Museum hat einen eigenen Erwerbsetat.

Im Fall des Hamburger Bahnhofs kommt ein Personalproblem dazu. Dass Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen und in Personalunion auch Direktor der Nationalgalerie, nicht unbedingt vorrangig für die Gegenwart schwärmt, ist bekannt. Seine ganze Energie gilt der Museumsinsel. Eugen Blume, Direktor des Hamburger Bahnhofs, ist bei aller unbestrittenen fachlichen Kompetenz nicht eigenständig genug, weder finanziell noch strukturell – und vielleicht doch eher ein Mann für die Kunst des 20. als des 21. Jahrhunderts.

Kein Ankaufsetat, kein Ausstellungsetat, nicht einmal eine eigene Öffentlichkeitsarbeit oder die Möglichkeit, selbständig Sponsoren werben zu können – diese leidige Situation teilt der Hamburger Bahnhof mit allen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Nur, dass dieses Manko im Bereich der Gegenwartskunst besonders schmerzt. Denn während die Dahlemer Museen mit Kooperationen und Ausstellungsübernahmen zumindest ein Rumpfprogramm selbst stemmen, hat der Hamburger Bahnhof wenig zu bieten. Und ist noch für das Wenige auf private Unterstützung etwa der Freunde der Nationalgalerie angewiesen.

Wo ist die Ausstellung, die von hier aus erfolgreich auf Tournee rund um die Welt geschickt wird? Wo ist die Übernahme einer Erfolgsausstellung, sei es Tacita Dean aus Basel oder Jonathan Meese aus Hamburg? Ja, wo wäre überhaupt das Knowhow, um so eine Großausstellung zu stemmen? Und wo der Platz? Das ist der Kern der Kunsthallen-Diskussion, die mit der von Berliner Künstlern initiierten Zwischennutzung des nun abgerissenen Palasts der Republik begann und von der Kunstzeitschrift „Monopol“ unlängst mit der vom Architekturbüro Graft für den Schloßplatz entworfenen „Wolke“ weitergetrieben wurde. Berlin fehlt ein Raum für das Zeitgenössische, will man nicht regelmäßig die Neue Nationalgalerie freimachen oder die architektonisch ungünstigen Seitenflügel des Hamburger Bahnhofs nutzen. Doch mindestens ebenso sehr fehlt ein planender Kopf.

Max Hollein hat in Frankfurt an der Schirn vorgemacht, wie ein geschicktes Kunsthallen-Programm die städtische Kunstszene beleben kann. So jemanden wünscht man sich auch für Berlin. Doch die Planspiele, die vor dem anstehenden Wechsel an der Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Staatlichen Museen angestellt werden – Klaus-Dieter Lehmann geht im April 2008, auch Schusters Vertrag endet nächstes Jahr – , lassen eines außer Acht: Man muss, um gute Köpfe werben zu können, auch etwas bieten. Die Eigenständigkeit des Hamburger Bahnhofs zum Beispiel. Ein Klaus Biesenbach, ein Daniel Birnbaum, ein Nicolaus Schafhausen werden sich, aus gut laufenden Häusern kommend, kaum auf eine untergeordnete Position einlassen wollen. Um sich im Karussell der Gegenwartskunst mitdrehen zu können, das durch einen aufgeheizten Kunstmarkt zusätzlich beschleunigt wird, braucht es eine finanzielle Grundausstattung – und eigene Entscheidungsgewalt. Dass die Übernahme der Münchner Gursky-Ausstellung an 500 000 Euro scheitert, ist schmerzlich. Noch schmerzlicher ist, dass die Künstler in Berlin offenbar keinen Ansprechpartner auf Seiten der Staatlichen Museen finden. Ein Museumschef, der um sie wirbt, der Interesse, Vertrauen – und Kenntnis – signalisiert, bekäme vielleicht manche Ausstellung zum Freundschaftspreis. Doch Freundschaft muss sich entwickeln.

Dazu bräuchte es einen Chef, der das Interesse an der Gegenwartskunst so engagiert vertritt wie die Belange der Museumsinsel. Der bei den Verantwortlichen, von Wowereit bis Neumann und Merkel, Geld nicht nur für Baumaßnahmen in Berlin-Mitte, sondern eben auch für Ausstellungen in einer noch zu erfindenden Kunsthalle lockermacht. Denn seinen Ruf als international interessanteste Kunststadt verdankt Berlin vor allem der jungen Szene. Sie muss man pflegen, auch in den Museen. Damit irgendwann das Kunstpublikum nicht mehr den Billigflieger nach Basel, New York oder Wien, sondern nach Berlin nehmen muss.

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