Als Gordon nach New York zieht, ist die Stadt noch dreckig und hart

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Kim Gordon: Autobiografie "Girl in a Band" : Für immer cool
Sonic Youth mit Kim Gordon und Thurston Moore links.
Sonic Youth mit Kim Gordon und Thurston Moore links.Foto: Kim Gordon

Die prägendste Figur in Gordons Jugend ist ihr älterer Bruder Keller, ein überdurchschnittlich schlauer, kreativer Typ, der sie allerdings mit seinem beißenden Spott quält. Nach seinem Studium wird Keller mit der Diagnose Schizophrenie in die Psychiatrie eingewiesen. In den Jahren zuvor wählt seine Schwester die innere Emigration als Abwehrstrategie gegen ihn. „Das Bild, das viele Leute von mir haben, ich sei abgeklärt, teilnahmslos oder unnahbar, ist eine Fassade, die damit zu tun hat, dass ich über Jahre für jedes Gefühl, das ich zeigte, gehänselt worden bin. Als ich jung war, wurde mir nirgendwo Aufmerksamkeit zuteil, die nicht negativ war. Die Kunst war der einzige Raum, der mir allein gehörte, wo ich jeder sein und alles tun konnte“, schreibt sie.

Als Gordon 1980 nach New York kommt, sucht sie einen Platz in der Kunstwelt. Sie trifft spätere Größen wie Cindy Sherman und Tony Oursler, Dan Graham wird ihr Mentor, und sie arbeitet für den damals noch unbedeutenden Kunsthändler Larry Gagosian. New York ist zu dieser Zeit dreckig und gefährlich, nicht das glitzernde Kommerzmonster von heute, das Gordon als „Stadt auf Speed“ bezeichnet. Sie wohnt zunächst bei Freuden, dann in einem kleinen kakerlakengeplagten Apartment in der Eldridge Street, wo bald auch der fünf Jahre jüngere Thurston Moore einzieht. Die beiden fangen an, Musik zu machen und mit Sonic Youth in Clubs wie dem CBGB aufzutreten.

Hier wirken Gordons Schilderungen wie eine Fortschreibung von „Just Kids“, in dem Patti Smith die Kreativszene von Downtown New York einige Jahre zuvor beschreibt. Und genau wie Smith hat Gordon dort als Frau eine Sonderstellung. Bewusst wird dies der Sonic Youth-Bassistin allerdings erst, als Journalisten immer wieder fragten, wie es sei, „a girl in a band“ zu sein. Sie selbst hat mehr damit zu kämpfen, dass sich ihre kalifornische Mittelschichtsherkunft kaum verleugnen lässt. Sie fühlt sich fremd in der Szene, denn sie weiß, dass sie „nie sein würde wie Lydia Lunch“ – selbst wenn sie sich extra-punkig zurechtmacht.

Diese frühe Sensibilisierung für Kleider- und Genderfragen schlägt sich auch in „Girl in a Band“ nieder, das beide Fragen immer wieder aufgreift. Einmal heißt es: „Kulturell erlauben wir Frauen nicht, so frei zu sein, wie sie es gern wären, denn das macht Angst. Entweder meiden wir diese Frauen, oder wir halten sie für verrückt.“ Gordon, die inzwischen mit Bill Nace im Experimental-Duo Body/Heat spielt, hat sich nie um derartige Urteile geschert. Sie war immer so frei und laut wie sie wollte – erst in der Kunst, dann in der Musik und jetzt auch auf Papier. Verrückt? Nein, einfach immer noch ziemlich cool.

Kim Gordon: Girl in a Band. Eine Autobiografie. Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger. Kiepenheuer & Witsch. 352 S., 19,99 €

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