Kinderbuch : Auch Geister müssen mal zum Doktor

Turbulentes Abenteuer mit hohem Gruselfaktor. Kinder ab zwölf Jahre werden davon kaum lassen können.

Verlag Sanssouci

Der erste Satz sitzt. „Stell Dir mal vor!“, lautet er. Und irgendwie ahnt man da schon, dass es einem mit diesem 269 Seiten dicken Buch nicht langweilig werden wird. Auf dem Cover prangt eine leicht schiefe Holzhütte, um die düstere Nebelschwaden wabern. Dazu passt der Titel punktgenau: „Sylvester und der Gespensterdoktor“. Eine Gruselgeschichte liegt vor. Ausgedacht hat sie sich ein Autorenpaar, das sich hinter dem Pseudonym Nicholas Cornelius verbirgt. Es ist, so heißt es auf der letzten Seite, „ihr erstes Kinderbuch“.

Darin präsentieren sie Sylvester, einen zwölfjährigen Waisen, der aus einem Kinderheim geflüchtet ist. Wie schlimm die Zustände dort waren, schimmert immer mal wieder zwischen den Zeilen durch. Sylvester aber, „mit allen Wassern gewaschen und noch dazu die Seife erfunden“, hat alles überstanden, sogar die eisernen Fußfesseln, die man ihm wohl angelegt hatte. Hautabschürfungen zeugen davon und blaue Flecken und rote Striemen auf dem Rücken sind auch da.

Aber jetzt sind alle Misshandlungen vergessen, denn Sylvester stürzt auf seiner Flucht in ein turbulentes Abenteuer. Während eines Gewitters „mit krachendem Donner und knisternden, blauen Blitzen“, findet er Unterschlupf in einem Haus, dessen Besitzer, mit zerzaustem weißen Haar, sich als „Doktor“ vorstellt. Doktor wie? „Einfach Doktor“, sagt der seltsame alte Mann. Schnell kommt raus, wen der Mann verarztet: Gespenster. Eitergelbe, grünlich graue wie Schimmel oder violette wie Blutergüsse. Igitt.

Heute sind Gespenster böser als früher

Aber Sylvester begreift schnell, dass Gespenster auch nur, wenn auch namenlose Menschen sind. Gespenst Nummer 574899 zum Beispiel hat einen Kugelblitz verschluckt, den der Doktor mit allerlei Hokuspokus entfernen muss. Er kennt sich wirklich gut aus in der Welt der Geister. Und hat erfahren: „Heute sind manche Gespenster böser als früher.“

Für diese Geschichte ist das aber keine schlechte Nachricht. Denn es droht Unheil. Ein gewisser Dr. Quirin Quittenbaum will im Dorf ein luxuriöses Sanatorium bauen lassen, für Oligarchen, Scheichs und andere reiche Leute. Dafür muss die Burg Finstergrün umgebaut werden, was dem Gespensterdoktor überhaupt nicht gefällt. Dort wohnen ja viele seiner Patienten. Sylvester belauscht ein Investorengespräch im Gasthaus des Dorfes und fürchtet danach um das Leben des Gespensterdoktors. Der beruhigt den Jungen. Sollte es Quittenbaum wagen, sich mit ihm anzulegen, würden die Geister ihm schon zu Hilfe kommen. Und wie sie das tun!

An manchen Stellen ufert die Geschichte ein bisschen aus, immer neue Haken werden geschlagen, die mitunter verwirren. Womöglich wollten sich die beiden Autoren mit ihren Ideen gegenseitig übertrumpfen. Ganz jung dürfte das Duo nicht mehr sein. Denn wer legt einem Zwölfjährigen heute den Satz in den Mund „Ich hätte trotzdem Fersengeld geben sollen“? Alles in allem aber überwiegt wohlig gruseliger Lesespaß.


Nicholas Cornelius: Sylvester und der Gespensterdoktor, Thiele & Brandstätter Verlag, München und Wien 2018, 269 Seiten, 15 €. Ab zwölf Jahre.

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