Kinderbuch über Mobbing : Vertrauen in die eigene Stärke

Enne Koens erzählt von einem sensiblen Jungen, der sich erfolgreich gegen Mobbing wehrt.

Schlimm ist es, wenn Kinder in der Schule abseits stehen, weil sie gemobbt werden.
Schlimm ist es, wenn Kinder in der Schule abseits stehen, weil sie gemobbt werden.Foto: mauritius images

Vincent ist auf der Flucht in einem dunklen Wald. Man weiß zunächst nicht, wovor er flieht. Er spricht sich selber Mut zu: „Ich bin Vincent. Ich bin elf Jahre alt, und ich habe ein Buch übers Überleben in der Natur gelesen. Ich bin Vincent. Mein Lieblingstier ist das Eichhörnchen. Ich bin elf Jahre alt. In meinem Zimmer hängt ein Spiderman-Poster. Ich bin Vincent und ich habe keine Angst, habe keine Angst, habe keine Angst“. Weíß auf Schwarz ist diese düstere Einführung gedruckt, bevor Enne Koens ihren Roman mit der Erzählung beginnt, die zu dieser Flucht führte. „Noch 7 Tage bis zur Klassenfahrt“ ist das erste Kapitel überschrieben, es folgt auf der nächsten Seite ein Tipp, wie man in der Wildnis Wasser sammelt. Der Countdown läuft und jeden Tag gibt es einen Survival-Tipp. Man blättert neugierig um und liest sich schnell fest in diesem Roman, der so einfühlsam von den Nöten eines Jungen erzählt.

[Enne Koens: Ich bin Vincent und ich habe keine Angst. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Mit Illustrationen von Maartje Kuiper. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019. 192 Seiten. 15 €. Ab neun Jahren.]

Spannend und auch amüsant zu lesen: Enne Koens Roman über Mobbing.
Spannend und auch amüsant zu lesen: Enne Koens Roman über Mobbing.Illustration: Maartje Kuiper

„Andere Kinder waren mir immer ein wenig unheimlich“, bekennt Vincent. „Sie sagten, ich würde stinken und hätte hässliche Sachen an. Und natürlich hätte ich sagen können: Halt’s Maul und guck dich mal selbst an, du blöder ekliger Affe“. Aber so etwas sagt Vincent nicht. Denn das ist er von zu Hause nicht gewöhnt, wo man ihn zur Höflichkeit erzogen hat. Er geht nicht gern zur Schule, weil er dort gehänselt und sogar verprügelt wird. Er kann sich einfach nicht wehren. Das traut er sich nicht, obwohl ihn die Tiere, mit denen er im Traum sprechen kann, dazu ermuntern. Lieber kommt Vincent jeden Tag zu spät als von seinen Mitschülern um den Anführer Dilan geschlagen zu werden. Und auf dem Heimweg lauern sie ihm auch immer wieder auf.

Das ändert sich erst, als eine neue Schülerin in die Klasse kommt, Jacqueline, Jacke genannt. Sie findet Vincent toll, und in ihrer Nähe trauen sich Dilan und seine Kumpel nicht an ihn heran. Sein größter Albtraum bleibt aber die bevorstehende Klassenfahrt, obwohl ihm andererseits die Vorbereitung eines Projekts mit Jacke Spaß macht. Seinen Eltern erzählt er nichts, ein wenig Halt bietet ihm sein einstiges Kindermädchen Charlotte. Ihr kann er sich anvertrauen.

Die Freundschaft zu Jacke hilft Vincent sich zu behaupten

Koens beschreibt in ihrem Buch einen sensiblen Jungen, der anders ist als die anderen und allmählich lernt, dass normal relativ ist. Zu Hause vertraut er auf sein Survival-Handbuch, für ihn die stärkste Waffe, um Notlagen zu überstehen.

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In Vincent werden sich viele introvertierte Kinder wiederfinden und von ihm lernen, wie man sich aus dieser Opfersituation befreit. Dabei hilft ihm die Freundschaft zu Jacke, und allmählich wächst sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das stärkt ihn in dieser ungemütlich gewordenen Welt. Und Enne Koens hat Humor. Allein schon die Szene des Kondomkaufs im Supermarkt, um Wasser in der Wildnis zu transportieren, ist köstlich zu lesen.

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