Kinderbuch : Warum immer nur eine Socke verschwindet

Der tschechische Schriftsteller Pavel Šrut versteht sich auf schrägen Humor

Ulrich Karger
Das Geheimnis ist gelüftet: Es gibt sie, die Sockenfresser!
Das Geheimnis ist gelüftet: Es gibt sie, die Sockenfresser!Foto: KJB

Ein Geheimnis wird gelüftet: Nicht die Waschmaschine lässt Socken verschwinden, sondern es sind Sockenfresser, die sich aufgrund des obersten Sockenfressergesetzes immer nur eine Socke eines Sockenpaares einverleiben. Die Folgen sind weitreichend: vom die Ehe bedrohenden Streit bis zur Resignation des alleinstehenden Herrn Lorbeer, der seine Füße nur noch mit verschiedenfarbigen Socken zu kleiden vermochte. Alleinstehend? In Wirklichkeit beherbergten die Zwischenwände von Herrn Lorbeers Wohnung noch Kicher und seinen Großvater. Sie verzehrten regelmäßig Herrn Lorbeers Socken, die dieser immer wieder neu im Laden des Herrn Cha-Li erstand.

Eines Tages hatte Kicher ungewollten Besuch von seinen Cousin-Zwillingen Ramses und Tulamor junior, die sich nur allzu gern über Kichers Namen lustig machten. Sie schlichen in Herrn Lorbeers Wohnung, um dort Unheil anzurichten, und Kicher, der das Schlimmste verhindern wollte, geriet am Ende in eine Mausefalle. Während die Cousins sich sofort verdünnisierten, geschah Kicher das, was einem Sockenfresser eigentlich nie passieren durfte: er wurde für einen Menschen sichtbar, in diesem Fall für seinen „Gastgeber“ Herrn Lorbeer …

Das im Original 2008 erschienene und 2009 mit dem bedeutendsten tschechischen Buchpreis „Magnesia Litera“ ausgezeichnete Kinderbuch „Die Sockenfresser“ von Pavel Šrut liegt nun auch in einer kongenialen Übersetzung von Alexander Kratochvil und Andreas Tretner auf Deutsch vor. So gelang es den Übersetzern vorzüglich, dem sehr eigenen tschechischen Humor Ausdruck zu verleihen, der hier zwischen beinharter Lakonie und geradezu poetisch magischen Momenten zu schillern weiß.

Neben Herrn Lorbeer ist unter anderem noch der lange Zeit unterschätzte Sockenfresserforscher Professor Krausekopf als Vertreter der Menschen zu erwähnen, der am Ende von einer Bedrohung zu einem echten Freund der Sockenfresser wird. Doch die Hauptrolle spielen natürlich die Sockenfresser selbst. Sie können durch kleinste Spalten schlüpfen und darüber hinaus sich wie Chamäleons ihrer Umwelt anpassen und so für Menschen unsichtbar werden.

Rückzug auf einen Berg von Socken

Während Kicher und sein Großvater jedoch sehr friedliebend sind und Kicher vor allem seine in Afrika für notleidende Sockenfresser tätigen Eltern vermisst, war der Vater seiner Cousins früher ein Mafiaboss, der sich im Alter auf einen Berg von Socken zurückgezogen hat. Eine nachgewachsene Generation von Sockenfresser-Gangstern will ihm nun allerdings diesen Sockenberg streitig machen und bringt dabei einmal mehr den schüchternen Kicher in höchste Bedrängnis.

Bis zum Happy End wartet die Geschichte mit turbulenten Abenteuern und sehr viel Situationskomik auf, was nicht nur Kinder spannend und lustig finden werden. Und dass zudem alle Helden dieser Geschichte ihre Sicht auf sich und andere mehr oder weniger freiwillig ändern müssen, sorgt für nicht wenige Überraschungen. Last, but not least kommen hier auch Herzensangelegenheiten nicht zu kurz, die nahezu alle Beziehungsstadien von der Freundschaft bis zur Liebe betreffen.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen zudem die auf den Punkt gebrachten Illustrationen von Galina Miklínová, die mit viel Witz die Helden der Geschichte in Aktion zeigen. Kurzum ein Buch, dass keinem Kind, das Socken trägt, vorenthalten werden sollte.

Pavel Šrut: Die Sockenfresser. Roman. Aus dem Tschechischen von Alexander Kratochvil u. Andreas Tretner. Illustr. v. Galina Miklínová. KJB Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018. 303 S. 14,99 €. Ab 8 Jahren.

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