Steinhöfel will das Wort "Neger" aus alten Kinderbüchern nicht tilgen

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Kinderbuchautor in Afrika : Was Geschichten lustig macht

Nun ist Andreas Steinhöfel doch in Äthiopien. Nach dem ersten Frühstück – es gibt scharf gewürztes Rührei, Toast, Zitronenmarmelade und viel starken Kaffee – erklärt er erst einmal, dass er in Afrika nicht auf der Suche nach Ideen für künftige Bücher sei, dass er sich auch nicht inspirieren lassen wolle, dass ihn „Ethno-Geschichten“ nicht interessierten. Und überhaupt: Man sei in Deutschland abgestempelt, wenn man sich auf Ethno einlasse, seine Geschichten also in fremden Kulturen spielen lässt. Aber geht das? Kann ein deutscher Kinderbuchautor nach Afrika reisen, in die Fremde, ohne sich inspirieren zu lassen? Ohne um eine wichtige Erfahrung bereichert zurückzukehren?

Abgestempelt werden, das kann Steinhöfel jedenfalls nicht mehr passieren. Der 51-Jährige gilt als einer der besten Kinderbuchautoren überhaupt („Dirk und ich“, „Rico, Oskar und die Tieferschatten“), und zwar bei Kindern, Eltern, Kritikern und Verlegern, er wird in eine Reihe mit Erich Kästner gestellt und hat so gut wie alle Preise bekommen, die in Deutschland für Kinderbuchautoren vergeben werden, unter anderem den Erich-Kästner-Preis für Literatur und zwei Mal den deutschen Jugendliteraturpreis. Sein Buch „Die Mitte der Welt“ schaffte es als erstes deutsches Kinderbuch auf die Spiegel-Bestsellerliste. Gerade wird wieder eine seiner Geschichten verfilmt, und zwar für den internationalen Markt. Die meisten seiner Bücher sind übersetzt, in 31 Sprachen.

Nach dem ersten afrikanischen Frühstück sagt Steinhöfel auch, dass man das Wort „Neger“ in alten deutschen Kinderbüchern stehen lassen könne. Astrid Lindgren, Otfried Preußler oder Michael Ende hätten den Ausdruck „Neger“ schließlich nicht diskriminierend gemeint. Kinder würden beim Lesen über das Wort stolpern, weil sie es nicht mehr kennen. Und dann könnte man ihnen erklären, wofür das Wort stehe, dass es Schwarze ausgrenzt und dass man es deshalb nicht mehr benutzt.

Mit Zensur – das Wort fiel in der Debatte über die rassistischen Wörter in Kinderbüchern häufig – kennt Steinhöfel sich übrigens aus. In einem seiner Bücher arbeitet die Mutter des Protagonisten in einem Nachtclub, bevor sie abends losgeht, prüft sie im Spiegel, ob ihre Brüste noch gut sitzen. In der arabischen Welt und auch in den USA hat die Mutter einen anderen Beruf als im Original. Gut findet Steinhöfel das nicht, aber er gibt zu: „Die Bücher funktionieren auch so.“

Und wenn er ehrlich ist: Er verändert Geschichten ja selbst gern, passt sie an, an sein eigenes Wertesystem.

Zwei Tage und eine Nacht nach der Ankunft in Äthiopien – Andreas Steinhöfel hat in Addis Abeba noch mehr starken äthiopischen Kaffee getrunken, sich ein paar Mal unwohl gefühlt, als ihn Äthiopier umringten und ihm etwas verkaufen wollten, und er ist drei Stunden lang in einer kleinen Propellermaschine in Richtung Südwesten geflogen in die Kleinstadt Gode, nahe der somalischen Grenze, wo es keine asphaltierten Straßen gibt und die meisten Menschen in runden Lehmhütten leben. Dort also sitzt er schließlich auf einem Stuhl im Wüstenstaub und verändert die Geschichte von Hänsel und Gretel.

Die Nacht ist finster wie im Märchen, der Himmel sternenklar. Nur die nackte Glühbirne an der Tür eines Bungalows erleuchtet die Szenerie. Irgendwo schreit ein Esel, quietschen Fledermäuse, gurren Tauben. Der Kinderbuchautor erzählt das Grimm’sche Märchen von den beiden Geschwistern einem Dutzend schwarzer Kinder, die um ihn herum sitzen. Die Mädchen tragen eng anliegende Kopftücher in Pink, Gelb und Hellgrün, die ihre Haare komplett verbergen, dazu weite, bodenlange Kleider in Türkis, Dunkelblau, Orange – die traditionelle somalische Kleidung. Die Jungs Sporthosen und bunte T-Shirts.

In Steinhöfels Version ist Gretel ein aufgewecktes Mädchen und nicht nur Hänsels stumme Begleiterin, auch sie streut Kieselsteine zur Orientierung, als der Vater die Geschwister in den Wald führt, um sie auszusetzen. Und sie ist es, nicht Hänsel, die den Einfall hat, wie die Hexe am besten aus dem Weg zu schaffen ist.

Als Hänsel und Gretel die alte Hexe überlisten und – „Bums“ – in den Ofen schubsen, sagen die Kinder erst leise „Ohh“ und lachen dann hinter vorgehaltener Hand, als dürften sie sich nicht richtig über das schlimme Ende der bösen Frau freuen.

Auch Steinhöfel lacht. Er freut sich, dass es ihm gelungen ist, die Kinder zu amüsieren. Er fühlt sich aufgenommen. Das hätte auch ganz anders kommen können. „Eine Geschichte, eine Geschichte“, hatten die Kinder gerufen und ihn angesehen. „Was soll ich denn den äthiopischen Kindern erzählen?“, fragte er. Wie fern muss ihnen die schauerliche Erzählung von dem Geschwisterpaar vorkommen. Oder andererseits vielleicht viel zu vertraut?

Steinhöfel wollte die Geschichte also gar nicht erzählen. Er hatte sich in Gode vor den erdfarbenen Bungalow gesetzt, um zuzuhören, einer Frau namens Jojis Miyir. Sie ist Geschichtenerzählerin und Mutter von elf Waisenkindern. Ihre Geschichten sind eine Attraktion im Kinderdorf, wo es nur zwei Fernseher für 140 Kinder gibt, der Dorfdirektor die Fernbedienung in seiner Obhut hat und nur selten herausrückt. Wo Lampen ein so schwaches Licht werfen, dass es in der Dunkelheit kaum zum Lesen reicht. Wenn Jojis Miyir sich vor ihren Bungalow setzt und beginnt, dann scharen sich die Kinder um sie. Ihre Geschichten hat sie von ihrer Mutter gehört und die wiederum von ihrer Mutter. Miyirs Erzählungen enden immer mit dem Satz „Die Botschaft ist …“

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