Kinderkrimi über die "Machtergreifung" : Stadt in Angst

Hommage an Erich Kästner: Philip Kerr schickt in seinem Rom "Friedrich der große Detektiv" einen Kinderermittler durch das Berlin des Jahres 1933

Philip Kerr: Friedrich der große Detektiv. Aus dem Englischen von Christiane Steen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2017. 251 Seiten, 14,99 €. Ab elf Jahren
Philip Kerr: Friedrich der große Detektiv. Aus dem Englischen von Christiane Steen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2017. 251...Foto: Verlag

Zum Beginn erst einmal ein Paar Witze. Was tut Hitler, um seinen Mundgeruch zu kaschieren? Er hebt einfach den Arm. – Was machen Goebbels’ Kinder, bevor sie ins Bett gehen? Sie werfen eine Münze, um zu entscheiden, wer dem Monster einen Gutenachtkuss geben muss. – Und warum ist Rudolf Hess, der Stellvertreter des „Führers“, nie in den Zoo mitgenommen worden? Weil sein Vater sagte: „Rudi, wenn sie dich da wollen, dann werden sie dich schon holen.“

Okay, sonderlich subtil sind die Gags nicht. Aber sie stammen auch von jemandem, der davon lebt, sein Publikum mit allen Mitteln zum Lachen zu bringen. Kurt Robitschek ist Conferencier, er steht im Foyer des von ihm gegründeten Kabaretts der Komiker und gibt ein paar Kostproben seines Könnens. Seine Zuhörer, der Titelheld von Philip Kerrs Roman „Friedrich der große Detektiv“ und dessen Freunde, sind eigentlich nur gekommen, um die Wandbilder anzuschauen. Und jetzt das: eine Privatvorführung.

Ein Bild zeigt eine Jazzkapelle, das andere einen Dschungel. Die Szene spielt Anfang 1933, Berlin ist gerade dabei, sich in eine Wildnis zu verwandeln, in der die Gewalt das Gesetz ersetzt. Draußen auf dem Kurfürstendamm marschieren SA-Männer, und in einigen Monaten wird ein Witz reichen, um im Konzentrationslager zu landen. „Wir lachen, solange wir es noch können“, sagt der Spaßvogel.

Das Kabarett der Komiker hat es tatsächlich gegeben, die Fresken stammten vom Zeichnergenie Walter Trier, und der Theaterdirektor Kurt Robitschek überlebte den Nationalsozialismus im amerikanischen Exil. Nur Friedrich Kissler, der 13-jährige Gymnasiast, der Detektiv werden möchte, ist erfunden. Philip Kerr fügt ihn so passgenau in die Wirklichkeit der beginnenden Terrorjahre ein, dass man sein Buch über weite Strecken für eine Reportage halten könnte.

Kerr ist ein Fachmann für historischen Suspense

Friedrichs Vater arbeitet als Redakteur beim legendären „Berliner Tageblatt“ und ist mit Erich Kästner befreundet, der gleich in der Nachbarschaft wohnt, Roscherstraße 16 in Charlottenburg. Als Personen der Zeitgeschichte treten auf: Max Liebermann, Billy Wilder und Christopher Isherwood. Es ist eine fiebrige Zeit, Aufruhr und Angst liegen über der Stadt. Friedrich ist überall dabei, wo etwas passiert. Im Wedding besucht er die Uraufführung der Kästner-Verfilmung „Emil und die Detektive“ im Alhambra-Lichtspielhaus und lernt Walter Trier kennen, der den Bestseller illustriert hat. Er steht am Abend des 30. Januar am Brandenburger Tor, als der gerade ernannte Reichskanzler Adolf Hitler mit einer Fackelparade gefeiert wird.

Eigentlich mag Friedrich die Nationalsozialisten nicht, sein Vater hat ihn gewarnt, doch dann reckt er „mitgerissen von der allgemeinen Aufregung“, den rechten Arm hoch und schreit „Sieg Heil!“. Aber er sieht auch, wie bald darauf einige Braunhemdenträger einen alten orthodoxen Juden auf dem Wittenbergplatz herumschubsen und versuchen, ihm den Bart abzuschneiden. „Und dann haben sie dabei auch noch gelacht“, erzählt er Herrn Kästner, den er nun häufig besucht. „Als wäre das alles ein großer Spaß. Aber das war es nicht.“

Wie wird man zum Nazi? Friedrich, der den neuen Herrschern zujubelt und Mitleid mit ihren Opfern hat, muss spätestens, als sein Pfadfinderverband mit der Hitler-Jugend verschmilzt, entscheiden, auf welcher Seite er steht. Kästner, der selber zaudert und nicht weiß, ob er das Land, in dem seine Bücher verbrannt werden, verlassen soll, beruhigt ihn. „Du bist kein Nazi“, sagt er. „Dazu ist etwas mehr nötig als ein bisschen Jubel. Man braucht auch eine gewisse Menge an Hass.“

Philip Kerr, der zuletzt den herausragenden Kinder-Mystery-Thriller „Die schaurigste Geschichte der Welt“ veröffentlichte, ist ein Fachmann für historischen Suspense. Schon die „Berlin Noir“-Trilogie des britischen Schriftstellers, geschrieben für Erwachsene, war in den dreißiger Jahren angesiedelt. Auch seine akribisch recherchierte Erich-Kästner-Hommage wird zum Krimi, als der Held eine Leiche im Tiergarten findet. Bald muss Friedrich feststellen, dass er seinen Spürsinn verschwendet. Denn dort, wo die Verbrecher regieren, ist es sinnlos, einen Mörder zu verfolgen.

Philip Kerr: Friedrich der große Detektiv. Aus dem Englischen von Christiane Steen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2017. 251 Seiten, 14,99 €. Ab elf Jahren

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