"Es ist mehr so ein schlaubootartiges Ansaugen"

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Senta Berger im Interview : „Na gut, reden wir übers Küssen“

Der Schauspieler Christopher Lee gab Ihnen einen Tipp, bei den Dreharbeiten zu „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“.
Es waren sogar drei Tipps. Sie lauteten: ins Ausland gehen, Englisch lernen und dünner werden.

Wenig später sind Sie nach Hollywood gezogen, haben an der Seite von Kirk Douglas, Dean Martin und Charlton Heston gespielt.
In den 60er Jahren haben die Studios versucht, europäische junge Schauspielerinnen mit etablierten US-Stars zu kombinieren. Die Partner, die ich in Amerika hatte, waren mit wenigen Ausnahmen im Alter meines Vaters.

Die meisten mussten Sie küssen.
Sie wollen jetzt nicht wirklich mit mir über das Küssen sprechen?

Kate Winslet hat nach dem Dreh von „Titanic“ gesagt, sie fand es ganz schlimm, weil Leonardo DiCaprio vorher stets Salamibrot gegessen hat. Haben Sie ähnliche Traumata?
Also ich denke, das war ein PR-Gag von Kate Winslet. Na gut, reden wir übers Küssen. Es gab in den 60ern noch Absprachen, sich nur ganz dezent mit nicht allzu geöffneten Lippen zu küssen. Allerdings kam es vor, dass sich ein Partner nicht daran hielt.

Heute wird am Set ganz anders geküsst.
Ja, es hat mit wirklichen Küssen im Allgemeinen genauso wenig zu tun. Es ist mehr so ein schlauchbootähnliches Ansaugen der Münder. Ich muss immer an Fische denken. Küssen sich Fische? Man hält das heute für freizügig erotisch. Ich find’ das furchtbar, weil es so gelogen ist und meine Fantasie beschädigt. Ich find’ es auch furchtbar für die Schauspieler. Es ist eigentlich immer schlimm.

Sie haben Hollywood nach fünf Jahren wieder verlassen. Bereuen Sie, dass Sie es nicht länger versucht haben?
Ich wäre dort nie so weit gekommen als Schauspielerin. Mit meinem deutschen Akzent wurde ich für manche reizvolle Rolle nicht besetzt. Vor allem musste ich einfach zu viele Kompromisse eingehen. Vergangenes Jahr gab es wieder eine Anfrage, die das Problem wunderbar veranschaulicht: Ich wurde gefragt, ob ich nicht in einem US-Film zusammen mit Tom Hanks spielen möchte. Da wollte ich von der Castingagentur in London wissen, ob ich denn vor meiner Entscheidung das Buch lesen könne. Die waren erstaunt und meinten nur: Wieso das denn? Sie sollen doch mit Tom Hanks spielen!

Haben Sie sich drauf eingelassen?
Nein, so geht das nicht. Das schien mir nicht richtig. Der Film ist dann ohne mich gedreht worden. Es war übrigens „Extrem laut und unglaublich nah“ von Stephen Daldry, der gerade auf der Berlinale lief.

Machen Sie solche Anmaßungen wütend? Sie behaupten ja, Sie könnten durchaus jähzornig werden.
Das leiste ich mir nur bei Menschen, die mich verstehen, die mich einschätzen können. Dann koche ich wirklich sehr leicht hoch und bin ungeduldig. Vielleicht ist das sogar das bessere Wort als jähzornig. Es schießt mir schon das Blut in den Kopf, das gebe ich zu. Ist das jähzornig? Vielleicht.

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