Kirill Serebrennikow : Neue Hoffnung

Der Prozess gegen den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow beginnt praktisch von vorn.

Frank Herold
Hausarrest. Serebrennikow wird schwerer Betrug vorgeworfen.
Hausarrest. Serebrennikow wird schwerer Betrug vorgeworfen.Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Vier Monate dauert der Prozess gegen den Moskauer Regisseur Kirill Serebrennikow nun schon, quälend lange – für Donnerstag ist nun der 30. Prozesstag anberaumt. Seit anderthalb Jahren lebt Serebrennikow unter Hausarrest. Seine Projekte kann der viel gefragte Künstler nur über Assistenten realisieren, die wiederum über seinen Anwalt kommunizieren. Nun beginnt das Verfahren vor dem Moskauer Gericht praktisch von vorn.

Mit einem neuen Gutachten soll nämlich geklärt werden, ob und wie strafbar ist, was die Staatsanwaltschaft Serebrennikow unterstellt. Das Verfahren kann sich also weiter in die Länge ziehen. Was auf den ersten Blick wie ein neuerlicher Versuch aussieht, den Putin-kritischen Theatermann von der Arbeit abzuhalten, ihn zu drangsalieren und andere Unbequeme einzuschüchtern, ist aber in Wahrheit ein kleines Hoffnungszeichen.

Serebrennikow wird Betrug in einem besonders schweren Fall vorgeworfen. Er soll zwischen 2011 und 2014 mit seiner Gruppe „Siebtes Studio“ bei der Realisierung des Theaterprojekts „Platforma“ umgerechnet rund 1,8 Millionen Euro an staatlichen Subventionen veruntreut haben. Nachdem die Beschuldigten inzwischen vernommen und rund 100 der 258 Bände umfassenden Ermittlungsakten verlesen worden sind, präsentierte die Staatsanwaltschaft vor wenigen Tagen die einzige Belastungszeugin.

Der Auftritt der einzigen Zeugin ein Desaster

Vor Gericht erschien Nina Masljajewa, die frühere Hauptbuchhalterin. Sie hatte sich als Einzige schuldig bekannt und ging, um ihre Strafe zu mildern, einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ein. Für diese allerdings wurde der Auftritt zum Desaster. 16 Stunden lang wurde eine kranke, alte, völlig überforderte Frau befragt. Der Inhalt ihrer Aussage lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen. Den ersten sagte sie selbst: Sie habe auf Anweisung gehandelt und Geld ausgezahlt. Der zweite stammt von ihrer Nachfolgerin, die ebenfalls vernommen wurde. Sie habe über das Projekt „Siebentes Studio“ gelernt: „Das sind Leute der Kunst, sie sind weit entfernt von Buchhalterei, leben immer nur in ihren schöpferischen Prozessen. Von denen weiß niemand, wie man eine Abrechnung macht.“

Rechnungen aus drei Jahren geprüft

Das mag in Verschwendung geendet haben, aber ist es strafrechtlich verfolgbar? Dem Gericht scheinen Zweifel zu kommen. Das Gutachten, das jetzt in Auftrag gegeben wird, soll offenbar nicht nur die Rechnungen aus drei Jahren noch einmal überprüfen und feststellen, ob dem russischen Staat tatsächlich ein materieller Schaden entstanden ist.

Dabei geht es um einen Schlüsselbegriff, „Gossakas“. Sinngemäß übersetzt: Staatsauftrag. Letztlich handelt der Prozess gegen Serebrennikow nicht nur von Rechnungen und Belegen, verhandelt wird das Verhältnis von Staat und Künstler. Ist jede Kunst, die der Staat subventioniert, Auftragskunst? Und hat der Staat das Recht, an eine Inszenierung die gleichen finanztechnischen Maßstäbe anzulegen wie an Lokomotiven oder Kampfflugzeuge, die er bestellt? Auch Künstler, die bislang nicht als Bedenkenträger im Verhältnis zum Kreml auffielen, spürten: Das könne ihnen einmal gefährlich werden. Sie protestierten gegen diese Zumutung. Selbst Alexej Kudrin, der Chef des Rechnungshofes, befand schon im letzten Jahr, dass es so nicht gehe.

Neue Regeln für staatliche Kunst-Subventionen

Erst tat sich lange gar nichts, jetzt reagiert das Gericht. Und Ende letzter Woche kündigte Kulturminister Wladimir Medinski an, seine Behörde werde gemeinsam mit der Präsidentenadministration ein neues Gesetz für die Subventionierung von Theatern auf den Weg bringen. Theaterinszenierungen stünden „in einem natürlichen Widerspruch zu den Mechanismen der Staatsaufträge“. Den Theatern solle deshalb durch „den Abbau untauglicher Regularien“ das Leben erleichtert werden, verspricht der Minister. Was kommt, ließ er jedoch offen. Und ebenso ungeklärt ist, ob die künftigen Regeln vielleicht auch Serebrennikow helfen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben