Klassik-Festivals in Berlin und Brandenburg : Schwäne am Mittelmeer

Zwei frühsommerliche Klassik-Festivals in Berlin und Brandenburg haben ihren Auftakt gegeben: „Infektion!“ an der Staatsoper und die Potsdamer Musikfestspiele.

Szene aus Salvatore Sciarrinos "Lohengrin".
Szene aus Salvatore Sciarrinos "Lohengrin".Foto: © Thomas Jauck

Salvatore Sciarrinos „Lohengrin“: Mit Musiktheater, das sich nicht als herkömmlich versteht, eröffnet in der Schillertheater-Werkstatt das 4. Festival „Infektion!“, mit dem die Staatsoper Musikfreunde mit dem Opernvirus infizieren will.

Ist es Traum, ist es Wahn, dass die Hochzeitsnacht so missglückt? Nicht ruft Elsa wie bei Richard Wagner verzweifelt „Der Schwan!“, sondern grübelt leise „Il cuscino!“: das Kissen. Denn in Sciarrinos Stück, das seine Wörter aus der Erzählung „Lohengrin, fils de Parsifal“ von Jules Laforgue filtert, geht es antiromantisch zu. Das Frageverbot spielt keine Rolle. Der Chevalier klammert sich an das Kissen des Hochzeitsbettes, um seiner hingabewilligen Braut zu entfliehen. Er hasst ihre mageren Hüften. Und das Kopfkissen verwandelt sich in einen Schwan, der ihn zu höheren Sphären metaphysischer Liebe emporträgt.

Sciarrino steht im Zentrum des Programms, das bis zum 1. Juli zeitgenössische Werke für Bühne und Konzert vereint. Dem „Lohengrin“ (1983) heute zu wiederholtem Mal zu begegnen, steigert den Zauber ihrer Seelenlandschaft. Der Komponist ist ein Grenzgänger an den Rändern von Klang und Sprache, in Mikrobereichen der Töne und Flageoletts heimisch. Hoch motiviert stellt sich ein Kammerensemble aus Mitgliedern der Staatskapelle und der Orchesterakademie unter Michele Rovetta dieser Partitur der Reduktion und Stilisierung – einer „azione invisible per voce, strumenti e coro“. Die „unsichtbare Handlung“ erklingt aus dem Innern Elsas heraus, ihrer Stimme „als Universum“, das auch die Texte Lohengrins reflektiert. Wahre Wunder der Klangwandlung vollbringt die Schauspielerin Ursina Lardi, da sie die Stichnoten der Instrumente minutiös mitgelernt hat, um ihren bruchstückhaften Monolog einzuordnen, lieblich bis grausam besessen.

Sciarrino wird gefeiert

Die Ausstattung Stephan von Wedels, Zimmer mit Tapete und Stores, Bad nebenan, verhehlt nicht, dass es sich um eine Krankenstation handelt. Durchs Fenster schimmern Natur und Wunschbild. Regisseur Ingo Kerkhof verrätselt das ohnehin rätselhafte Geschehen ins Magische, indem er einen stummen Schauspieler einführt. Zerrbild Lohengrins, Besucher in der Klinik, Pfleger? Jedenfalls betont Konstantin Bühler sublim ungehobelt die Aura der Protagonistin. Sciarrino wird mit seinen Interpreten herzlich gefeiert. (Sybill Mahlke)

Potsdam liegt am Mittelmeer. Verantwortlich für die bis 29. Juni dauernde tektonische Verschiebung sind die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci, die ihre 60. Ausgabe unter dem Motto „Mittelmeer – Traum und Wirklichkeit“ feiern. Nun kann man derartige, touristische Primärreize auslösende Themen sehr unterschiedlich füllen. Dass sich die einstigen „Parkfestspiele“ seit 1991 zu einem dem historischen Ort angemessenen, sorgsam kuratierten Alte-Musik-Festival entwickelten, ist sicher mit das Verdienst der Geschäftsführerin Andrea Palent, die handfesten Geschäftssinn mit musikwissenschaftlichem Gewissen verbindet.

Welch großartige auch landestypische Entdeckungen sich jenseits des musikalischen Vivaldi-Pauschaltourismus machen lassen, zeigt sich bei der ersten der beiden Opernproduktionen des Jahres. Sie findet wegen der Renovierung des Schlosstheaters zwar im Hans-Otto-Theater statt, doch dafür darf der Tiefe See in den Pausen den Golf von Neapel spielen. In der Abendsonne macht er seine Sache fast so gut wie Gabriella Aiello, die zu Gitarre und Percussion Lieder in saftigem Neapolitanisch zum Besten gibt.

Rache, Liebe, Schlaf und Kerker

Bei der Oper selbst, als Übernahme von den Innsbrucker Festwochen zu sehen, handelt es sich um „La Stellidaura vendicante“ (Die Rache der Stellidaura) des neapolitanischen Komponisten Francesco Provenzale. Die 1674 uraufgeführte Tragikomödie um die vornehme Stellidaura, die nicht davor zurückschreckt, sich für ihren Geliebten zu duellieren, steht stilistisch zwischen Monteverdi und Händel und enthält mit ihren prägnant erfundenen Rachearien, Liebesduetten, Schlaf- und Kerkerszenen alles, was man von einer Barockoper erwartet. Eigen ist jedoch der schnelle Wechsel der Emotionen – und die prominente Rolle des in kalabrischem Dialekt singenden komischen Dieners Giampetro, der von dem Bass Federico Sacchi mit großer stimmlicher Präsenz dargestellt wird. Wobei François de Carpentries klare Regie noch stärker hätte auf die situative Komik und derbe Körperlichkeit der Commedia dell’ Arte vertrauen können. Entschädigt wird man durch die Academia Montis Regalis unter Alessandro De Marchi, die mit den Klangfarben von Lirone, Mandoline, Colascione, Gitarre und Percussion für reiches Lokalkolorit sorgt.

Mögliche Höhepunkte des weiteren Programms? Das mit betont „ethnisch“ wirkenden Vokalfarben arbeitende Ensemble Graindelavoix in der Friedenskirche (20. Juni) und das Jordi Savalls Hespèrion Ensemble am 28. Juni am gleichen Ort. Oder auch der Sound der Gondolieri durch den Countertenor Vinceno Capezzutto am 22. Juni auf der Wasserbühne des Belvedere. (Carsten Niemann)

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