Klassik gegen die Klimakatastrophe : Zornige Erde

Es brodelt. Schnalzt. Donnert. Patricia Kopatchinskaja und ihr „Orchester des Wandels“ inszenieren den Weltuntergang. Sie spielen für mehr Umweltbewusstsein.

Alexandra Ketterer
Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.
Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.Foto: Marco Borggreve

Die Zeit rennt davon. Es wird einem flau im Magen, als der gregorianische Choral „Dies Irae“ von der Empore herab erklingt und die Instrumentalisten tickende Metronome mitten ins Publikum stellen. Der Klimawandel ist eine Zeitbombe: Das „Orchester des Wandels“ inszeniert ein nahes Weltuntergangsszenario.

Hinter der Trennwand brodelt es. Mit „Okanagon“ für Harfe, Kontrabass, Tamtam beginnt das 8. Klimakonzert unter der Leitung der Violinistin Patricia Kopatchinskaja. Wie klingt der Herzschlag der Erde? Im E-Werk, der Stahlhalle des alten Technoclubs, grollt die Komposition von Giacinto Scelsi über die Zuhörer hinweg. Das Orchester ist eine Initiative von Mitgliedern der Staatskapelle Berlin, der Erlös des Konzerts wird in die Heimat der Solistin gespendet: „New Life on Lower Prut River“ setzt sich ein für die Wiederherstellung der Natur am Flussdelta des Pruth.

Als würden sie durch diesen Fluss waten, marschieren die Musiker zur Einspielung von entschlossenen Schritten ins Scheinwerferlicht. Statt – wie sonst – Gummistiefel zu tragen, gibt es dieses Mal die auditive Sumpf-Erfahrung.

Man wünscht sich weniger Inszenierung

Es folgt das Chaos. Sätze von Heinrich Ignaz Franz Bibers „Battalia“ und George Crumbs „Black Angels“ werden zu einem Soundknoten zusammengezwirbelt. Es wird geschnalzt und gedonnert. In der „liederlichen Gesellschaft von allerley Humor“ trällert jeder Soldat seine eigene Melodie. Doch alles Humorvolle wird im nächsten Moment von Crumps „elektrischen Insekten“ niedergeschmettert.

Die darauffolgenden Werke von Michael Hersch, Antonio Lotti und John Dowland werden fast nahtlos aneinandergereiht. Zwischendrin wünscht man sich klare Abgrenzung, weniger Inszenierung. Denn die Stücke sprechen für sich, überfordern auch ohne die blutroten, verpixelten Farbverläufe, die auf die Stahlträger projiziert werden.

So, wie es bei der „Komposition Nr. 2 Dies Irae“ von Galina Ustowolskaja gelingt. Pianist Christoph Grund spielt die scharfen Töne mit Präzision. Verletzlichkeit und Kraft sprechen aus Kopatchinskajas unerbittlichen Schlägen auf den Holzwürfel. Die Götter sind wütend über die Klimabilanz. Wir sollten es auch sein.

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