• Klavierkonzert in der Philharmonie: Abdullah Ibrahims Spiel ist ein ständiges Strömen

Klavierkonzert in der Philharmonie : Abdullah Ibrahims Spiel ist ein ständiges Strömen

Die Musik des südafrikanischen Jazzmusikers und Komponisten Abdullah Ibrahim ist von Spiritualität geprägt. Das angestoßene Empfinden steht im Zentrum.

Ken Münster
Im Fluss. Der Pianist Abdullah Ibrahim, hier beim San Sebastian Jazz Festival 2017.
Im Fluss. Der Pianist Abdullah Ibrahim, hier beim San Sebastian Jazz Festival 2017.Foto: Juan Herrero/picture alliance/EFE/dpa

Fragmentierte Rhythmen, die nicht länger als ein paar Pulsschläge dauern. Motive, die aufblitzen, aber nie zu Melodien, Liedern werden, schon sind sie im nächsten musikalischen Gedanken aufgegangen. Das Kennzeichen von Abdullah Ibrahims Klavierspiel ist ein ständiges, bedächtiges Strömen.

Seine Konzerte lassen sich nicht in Stücke, Themen, Improvisations- und Liedpassagen aufteilen. Das würde der musikalischen Vision des südafrikanischen Jazzmusikers und Komponisten nicht gerecht, ist diese doch von einer alles einrahmenden Spiritualität geprägt.

So erwartet das Publikum am Dienstagabend in der Berliner Philharmonie weder ein Solo-Klavierkonzert im Stil eines Chick Corea noch das assoziativ-virtuose Feuerwerk eines Keith Jarrett. Für Ibrahim, so scheint es, steht das durch die Musik angestoßene Empfinden im Zentrum.

Auch auf seinen Alben hat der 85-Jährige immer frei verfahren, hat Solo- und Ensemblestücke sich abwechseln lassen, ist selbst auf der Flöte oder dem Saxofon – ohne Anspruch, diese Instrumente zu beherrschen – solistisch tätig geworden.

Behutsamer Einstieg, gelöste zweite Hälfte

Ausgangspunkt für das Konzert in der Philharmonie ist Ibrahims neuestes Album „Dream Time“, das vergangenes Jahr beim deutschen Jazzlabel Enja erschienen ist. Bedächtig tastet sich Ibrahim in der Philharmonie zunächst an das neue Material heran, bleibt aber behutsam und geordnet.

Erst nach einer Pause von 40 Minuten erscheint der weißhaarige Meister am Klavier plötzlich gelöster und freier. Deutlich rhythmischer, mit weniger Pedal und mehr Angriffslust haut er jetzt ins Instrument, lässt unerwartet Blockakkordfolgen los, ertastet mit rechter und linker Hand die Gänze der Klaviatur und spielt sich unter Schnauben und Stöhnen in eine kurzweilige Ekstase.

Immer wieder erscheinen Skizzen aus Ibrahims üppigem Werk im Strömen seines Spiels. Leiser Höhepunkt ist das hymnenhafte und wunderschöne Kompositionsfragment „Salaam – Peace – Hamba Kahle“, das Ibrahim vor knapp einem halben Jahrhundert auf dem Album „African Sketchbook“ verewigt hatte. An diesem Abend bringt es in seiner Simplizität und Kürze die Spiritualität der Musik Ibrahims auf den Punkt.

Zum Abschied hebt der durchweg schweigende Musiker nach langem Applaus doch einmal mit der Stimme an: „Wade in the Water“ singt er a capella, zum Erstaunen aller. Der großgewachsene Ibrahim steht an den Flügel gelehnt, die rechte Hand ans Ohr gewandt, wiederholt die Strophe ein paar Mal, faltet dann die Hände, verabschiedet sich und schreitet bedächtig davon.

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