Königin der Dichtung : Die tolle Poetin Louize Labé wird wiederentdeckt

Die Kolumne Fundstücke steht dieses Mal im Zeichen weiblicher Lyrik. Unter anderem mit Louize Labé, die das Frankreich des 16. Jahrhunderts verzauberte.

Peter von Becker
Wortgewandte Lady. Louize Labé.
Wortgewandte Lady. Louize Labé.Foto: Wikipedia

Kennen Sie Gabriela Mistral? Sie war eine chilenische Dichterin und erhielt 1945 den Literaturnobelpreis – als fünfte Autorin von mittlerweile 15 Preisträgerinnen, denen in der Nobel-Liste seit 1901 immerhin 101 Männer gegenüberstehen (Frauenquote 13 Prozent).

Ausgesprochene Lyrikerinnen sind dabei außer der Chilenin nur noch 1966 Nelly Sachs und dreißig Jahre später die polnische Poetin Wislawa Szymborska gewesen. Merkwürdig zudem: Mistral, ein Name wie der Wind, hieß auch ein wohl vergessener männlicher Lyriker, der Franzose Fréderíc Mistral, der 1904 den Nobelpreis erhielt.

Die Poesie war einst eine Art Königsdisziplin der Literatur. Aber wenn kommenden Freitag wieder das „poesiefestivalberlin“ unterm Schirm der Akademie der Künste beginnt, diesmal notgedrungen als reines Online-Fest, und selbst wenn Lesungen leibhaftiger Dichter und Dichterinnen noch immer ihr Publikum finden: Lyrik ist heute so richtig populär allenfalls gesungen. Als Pop-Poesie (Bob Dylan!). Doch sind Bestseller-Gedichtbände wie von Erich Fried, Wolf Wondratschek oder Ingeborg Bachmann inzwischen kaum mehr vorstellbar.

Sappho galt einst als erste Dichterkönigin. Aber ähnlich wie in der Malerei oder Musik dominieren das musische Gedächtnis seit der Renaissance aus vielerlei historischen Gründen die poetischen Mannsbilder. Große Lyrikerinnen? In der deutschsprachigen Moderne fallen einem sogleich Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann oder Friederike Mayröcker ein. Doch vor 1900? Allenfalls „die Droste“, Annette von Droste-Hülshoff, gehört da namentlich noch zum Bildungsgut.

Gar nicht primär um Frauen als Autorinnen, indes um einen durchaus weiblichen oder androgynen Blick geht es durch die Jahrhunderte bei dem Bändchen „33 Liebesgedichte. Ausgewählt und übersetzt von Henriette Beese“ (Alexander Verlag, Berlin 2019. 126 Seiten, 12,- Euro). Die 1998 in Südfrankreich verstorbene Berliner Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Theaterdramaturgin, eine Schülerin von Peter Szondy an der FU, hatte dessen Schriften nach Szondis frühem Freitod ab den 1970er Jahren mit herausgegeben, ebenso später Werke von Carl Einstein und Norbert Elias.

Feinsinnige Nachdichtungen

Dazu war sie Übersetzerin auch von Theoretikern wie Deleuze und Derrida und hat Werke von Djuna Barnes, Edmond Jabès oder David Rokeah ins Deutsche übertragen. Der Poesie im engeren Sinne aber galt wohl ihre tiefere Zuneigung, und mit ihrer zuerst 1984 erschienenen Anthologie der „33“ hat sie gleichsam eine Welt-Liebeslyrikgeschichte en miniature vorgelegt.

Die jetzt mit einem informativen Nachwort des Berliner Essayisten, Dramaturgen und Festivalkurators Gerhard Ahrens versehene Neuauflage ist darum eine poetische Perle.

Feinsinnige Nachdichtungen von Sappho, Petrarca oder Edward Fitzgerald nach dem frühen persischen Poeten Omar Khayyám sowie von Sonetten Shakespeares oder Pierre de Ronsards (aus dem 16. Jahrhundert) stechen hervor. Vor allem jedoch öffnete Henriette Beese den Blick auf eine in Deutschland nahezu unbekannt gebliebene frühe Königin der Dichtung, auf Louize (auch Louise) Labé.

Die 1524 in Lyon geborene „schöne Seilertochter“ genoss eine weitreichende Schulbildung, war Mitglied einer Lyoner Poetengilde und sammelte in ihrem Salon gelehrte und gute Geister.

Inspiriert von Petrarca

Mit 41 starb sie verwitwet, als Autorin eines famosen dichterischen Dialogs zwischen „Tollheit und Liebe“ sowie von 25 Sonetten, inspiriert von Petrarca und ihrem ganz eigenen, freien, modern gesprochen: emanzipierten Geist.

Großartig ihr schmales Gesamtwerk, das auch im zweisprachigen Band Louise Labé „Torheit und Liebe“, übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorf, gut zu erlesen ist (Secession Verlag, Zürich, 2019, 208 Seiten, 20,- Euro).

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Henriette Beese stellt in ihrer gleichfalls zweisprachigen Auswahl vier herausragende Labé-Sonette vor, ebenso eigensinnig und bisweilen frei in der gleichwohl intensiven Annäherung. So beim superben 18. Sonett, in dem Labé „feuchte Küsse“ doppelt und vierfach wechselt und sich in der Liebe immerzu erotisch entgrenzt und vermehrt. Eine Entdeckung nach 500 Jahren.

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