Kolumne Alle Wetter (5) : Das Leben ohne Zwiebelsäckchen

Urlaubszeit ist Draußenzeit. Und wie war das Wetter?, wollen die anderen wissen. Diesen Sommer erzählen wir Geschichten davon, von Sonnenbrand bis Dauerregen.

Regen gehört zu den meisten deutschen Sommern dazu.
Regen gehört zu den meisten deutschen Sommern dazu.Foto: Ina Fassbender/dpa

Wir waren jung, gerade 16, und kamen aus West-Berlin. „Born To Be „Wild“ aus dem Film „Easy Rider“ war als Soundtrack nach wie vor präsent, die Mauer stand ebenfalls noch. Da fassten wir einen kühnen Plan: Wir würden während der Sommerferien zu dritt mit unseren Mofas durch West-Deutschland fahren, die erste Reise ohne Eltern, ja, überhaupt ganz ohne Erwachsene. Klingt einfach, war es aber nicht. Erstens hatte ich kein Mofa und zweitens führten ausschließlich Autobahnen als freigegebene Transitstrecken ins damalige Bundesgebiet. Mofas, die ja nichts weiter als Fahrräder mit Hilfsmotor sind, durften darauf nicht fahren.

Die erste Hürde nahm ich leicht. Eine Freundin lieh mir ihre Maschine für die Sommerferien. Warum sich ihre Eltern darauf einließen, ist mir bis heute unklar. Ich vermute, sie wollten entweder das Mofa loswerden oder mich.

Die zweite Hürde, die mit der Transitautobahn, war höher. Wir bewältigten sie mit Hühnchens Hilfe. Hühnchen, einer von uns dreien, trug diesen Namen, weil sein Vater einen Wild- und Geflügelimport betrieb. Deshalb besaß der einen Kühllaster. Unsere Mofas wurden also in diesen Laster geladen, wir nahmen vorne Platz und fuhren ins bayrische Hof. Keine so gute Idee, wie sich am Ziel zeigen sollte. Die Dinger kamen nämlich tiefgefroren an. Wir brauchten lange, um sie in Gang zu bringen. In meiner Erinnerung schoben wir beinahe bis Bayreuth.

Eine Nacht im Freien

Das war noch nicht der Tiefpunkt. Obwohl wir kein Zelt mitführten, beschlossen wir nach mehrtägiger Reise in einem Wald in der Nähe von Schloss Neuschwanstein die Nacht im Freien zu verbringen. Selbst die Jugendherbergen, damals so etwas wie Hostels, waren uns nämlich zu teuer geworden.

Am Abend verfinsterte sich der Himmel, uns war klar, es würde Regen geben. Also wählten wir unser Lager mit Bedacht auf einer kleinen Erhöhung und spannten eine Plastikplane darüber.

Sehnsucht nach Mama

Es goss stundenlang. Wegen der Hügellage lief zwar kein Wasser rein, aber der Regen fiel schräg, weshalb wir die Plane immer tiefer absenken mussten, bis wir sie dicht vor den Gesichtern hatten. Es wurde eine extrem deprimierende Nacht. Das Trommeln der Tropfen, die feuchte Kälte, die in den Schlafsack zog, das Knacken der vom Regen schweren Äste über der undurchsichtigen Plane, wir drei drängten uns aneinander.

Am Morgen wachte ich mit pochenden Ohrenschmerzen auf. Das war der Moment, in dem ich mich nach zu Hause sehnte. Und nach meiner Mutter, die mir in solchen Situationen ein heißes Zwiebelsäckchen gemacht und einen Kakao gebracht hätte. Ich habe das allerdings für mich behalten und später, wieder daheim, natürlich nicht mehr erwähnt. Für einen Easy Rider gehört sich das nicht.

Bisher erschienen: „Kugelblitz am Lago Maggiore“ (13. 7.), „Wo das Meer leuchtet" (16. 7.); „Sonne, Meer und Cabrio“ (19. 7.), „Blitz komm raus“ (22.7.).

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