Kolumne Alle Wetter (6) : Ein bisschen Matsch muss sein

Urlaubszeit ist Draußenzeit. Und wie war das Wetter?, wollen die anderen wissen. Wir erzählen in loser Folge Geschichten davon, von Sonnenbrand bis Dauerregen.

Matsch kann auch Spaß machen. Wie bei der "Wattolümpiade" in Brunsbüttel, Schleswig-Holstein.
Matsch kann auch Spaß machen. Wie bei der "Wattolümpiade" in Brunsbüttel, Schleswig-Holstein.Foto: Carsten Rehder/dpa

Matsch verbindet. Matsch gehört dazu. Spätestens seit dem legendären Unwetter von Woodstock, das anno 1969 die Wiese vor der Bühne in eine braune Hippierutschbahn verwandelte, sind Regengüsse bei den großen Sommerfestivals quasi der Special- Effect, der Entgrenzungsmoment, der nicht fehlen darf. Trotzdem kann schlechtes Wetter bei Open Airs ganz schön nerven, zumal wenn man nicht nur zum Spaß da ist. Aber manchmal muss auch die Popredakteurin dahin gehen, wo es weh tut (nicht nur akustisch). Der ultimative Härtetest stand für mich vor einem Jahr an: fünf Tage beim 1971 gegründete Festival von Roskilde. Übernachtung im Zelt.

Die Wetterprognose für Dänemark war schon die ganze Woche mies. Schwere graue Wolken begleiten mich auf der kurzen Zugfahrt von Kopenhagen bis zum dem Gelände der Kleinstadt, die für eine Woche zur viertgrößten Stadt des Landes wird. Der erste Abend mit dem fantastischen Auftritt von „The Weeknd“ bleibt noch trocken, aber am nächsten Tag bei „The XX“ geht es los mit dem Regen, der erst einen Tag später wieder aufhören wird. Wobei die feinen Fäden eigentlich ganz gut zum Düsterpop des Londoner Trios passen.

Die schwarze Regenjacke, die mir kurz vor dem Festival eine Freundin geschenkt hat, und die uralten blauen Gummistiefel werden zu meiner Rüstung. Sobald ich sie angezogen habe und aus dem Zelt gekrabbelt bin, schalte ich in eine Art Durchhalte-Kampfmodus, stapfe mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze vom Zeltplatz zum Festivalgelände, wurschtele mich durch die Menge und lasse mich nicht mal von der grandios groovenden Band von Afrobeat-Meister Seun Kuti zum Tanzen bewegen. Bin ganz schön verkrampft. Offensichtlich fehlt mir Übung, wie sie der immer gut gelaunte Roskilde- Veteran von Radio eins hat, mit dem ich manchmal unterwegs bin.

Ob Schweiß so sehr verbindet wie Matsch?

Ihn beeindruckt das Wetter überhaupt nicht, genauso geht es den größtenteils aus Dänemark stammenden jungen Festivalgästen. Sie feiern einfach durch – haben allerdings auch den Vorteil, dass sie dem Bier stark zusprechen, was für mich nicht in Frage kommt. Bin ja im Dienst! Da heißt es Ohren auf und Augen auf, während ich am Vormittag die Power-Show der Rapperin Noname auf der zweiten Open Air-Bühne verfolge. Stiefel im Matsch, aber die Laune wird besser. Vor mir steht eine Dänin, die sich eine Krone aus grünen Bierdosen gebastelt hat. Ja, die haben Stil hier. Und irgendwann am Nachmittag des letzten Tages, „Ice Cube“ steht gerade auf der orangefarbenen Bühne, kommt dann tatsächlich die Sonne raus. Fühlt sich zwar nicht an wie in Cubes kalifornischer Heimat, aber ich freue mich darüber fast mehr als über den Rap-Klassiker.

Dieses Jahr war es in Roskilde übrigens schön sonnig. Statt Regen wehte Staub über das Gelände. Ob Schweiß so sehr verbindet wie Matsch? Vielleicht fahre ich nochmal hin und finde es raus.

Bisher erschienen: „Kugelblitz am Lago Maggiore“ (13. 7.), „Wo das Meer leuchtet" (16. 7.); „Sonne, Meer und Cabrio“ (19. 7.), „Blitz komm raus“ (22.7.) und „Das Leben ohne Zwiebelsäckchen“ (26.7.).

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