Kolumne Fundstücke : Sizilianische Sirene

Männerfantasie und Menschheitsmythos: Bei Piper ist Giuseppe Tomasi di Lampedusas meisterhafter Roman "Die Sirene" in deutscher Übersetzung erschienen.

Vom Mythos zur Attraktion. "Sirenen" im Aquarium von Sao Paulo.
Vom Mythos zur Attraktion. "Sirenen" im Aquarium von Sao Paulo.Foto: Dario Oliveira/ZUMA Wire/dpa

Weibliche Wasserwesen, ob barbrüstige Seejungfrauen mit Schwanzflossen oder gar verführerische Meeresungeheuer, Chimären zwischen Mensch, Fisch oder auch Vögeln – sie schmücken Männerfantasien und Menschheitsmythen. Berühmt berüchtigt sind dabei die Sirenen. Odysseus widersteht den todbringenden Sängerinnen, indem er sich vor ihrer Insel an den Mast seines Schiffes fesseln lässt und seinen Gefährten zugleich die Ohren mit Wachs verschließt. So genießt der Listenreiche die Sirenentöne, ohne ihrer Lockung nachgeben zu müssen.

Ein freier, doch angebundener Mann. Adorno/Horkheimer hatten darin den Schlüssel ihrer „Dialektik der Aufklärung“ erkannt. Und zuvor sind die Töchter des Meeres auch als Undinen oder Melusinen zu Heldinnen in Literatur, Malerei und Musik geworden. Von Homer bis zu Kafka (der die wahre Macht im „Schweigen der Sirenen“ sah). Dass auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Fürst und Autor des nach seinem Tod 1957 alsbald zum Welterfolg gewordenen Sizilien-Romans „Der Gattopardo“, einst eine Sirene erfand, ist dagegen weniger bekannt.

Anders als in der italienischen Originalausgabe von 1961 war „Die Sirene“ schon in der im selben Jahr erschienenen Übertragung von Charlotte Birnbaum die Titelgeschichte der vier hinterlassenen Erzählungen Lampedusas. Moshe Kahn, in Berlin lebender, preisgekrönter Übersetzer von Pasolini, Manerba oder zuletzt des gleichfalls siziliennahen Riesenromans „Horcynus Orca“ von Stefano D’Arrigo, hat jetzt Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Sirene“ in einer erweiterten deutschen Fassung vorgelegt (Piper Verlag, München, 288 Seiten, 24 €).

Der Sirenenmythos als leibhaftiges Erlebnis

Der Autor war fast 60 Jahre alt, als er den „Gattopardo“ schrieb. In seinen teilweise autobiografischen Erzählungen (eine sind „Kindheitserinnerungen“) erkennt man Motive, Orte, Figuren des Romans wieder, begegnet Vorformen und auch Fingerübungen. Aber ganz meisterhaft, nach einem etwas spröden Anfang, poetisch hoch suggestiv erscheint die zu Recht auf den deutschen Buchtitel gesetzte „Sirene“. Der Icherzähler, wie Lampedusa Sprössling eines sizilianischen Adelsgeschlechts, trifft als Journalist in Turin in einem Café statt eines leichten Mädchens, das ihn versetzt, einen mürrischen alten Mann , der ihn zunächst abweist, dessen Vertrauen er später gewinnt. Der Alte entpuppt sich als bedeutender Gräzist, ein Wissenschaftler von Weltrang und einst Senator in Rom, jetzt ein einsamer, schroffer Eigenbrötler. Doch auch er stammt aus Sizilien, beide sind Emigranten des Südens im oberitalienischen Norden, zur Zeit Mussolinis Ende der 1930er Jahre.

Der Erzähler ist vor allem fasziniert von der angeblichen Jungfräulichkeit des Alten, der die Frauengeschichten des Jüngeren mit einem zölibatären Hochmut verachtet. Doch dies nicht aus religiösen Gründen. Vielmehr hat der Altertumswissenschaftler den griechisch-mediterranen Mythos der Sirene in jungen Jahren leibhaftig erlebt. An einem einsamen sizilianischen Strand war er einst der Geliebte einer göttlich schönen Meerfrau, und nach der lustvollen Vereinigung mit ihrem fischigen Unterleib konnte ihn keine Irdische mehr reizen.

Die Geschichte lebt von einem luziden Realismus

Das ist eine romantische Pointe, die Lampedusa jedoch mit luzidem Realismus beschreibt. Wobei Realismus im Italienischen den „verismo“ meint, eine eigene, Sozial- und Kulturgeschichte, Natur und Fantastisches einbegreifende Wahrheit. Moshe Kahns Übersetzung trifft deren besonderen Ton, mal karg, mal ausschweifend schön. Und wer über die mitgelieferte Editionsgeschichte hinaus noch mehr erfahren möchte, dem sei die exzellente Studie des Ex-Diplomaten Jochen Trebesch empfohlen: „Giuseppe Tomaso di Lampedusa. Leben und Werk des letzten Gattopardo“ (Nora Verlag Berlin, 504 Seiten, 29,90 €). Im Übrigen hat die in Berlin lebende italienische Autorin und Filmemacherin Agnese Grieco gerade als Reise durch die einschlägige Weltkultur einen klugen, reich bebilderten „Atlante delle sirene“ geschrieben (Verlag il Saggiatore, Mailand, 343 Seiten, 33, 99 €). Hoffentlich gibt’s bald eine deutsche Ausgabe dieses anregenden „Atlas der Sirenen“.

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