Kolumne „HEILIGE Familie“ : Mit den Clans kamen die Tränen

Weihnachtszeit ist Familienzeit. Höchste Zeit, sich über das Phänomen Familie ein paar Gedanken zu machen – jeden Tag bis Silvester.

Die Weinachtszeit verbringen die meisten Menschen im Kreis der Verwandtschaft oder der Wahlverwandten.
Die Weinachtszeit verbringen die meisten Menschen im Kreis der Verwandtschaft oder der Wahlverwandten.Foto: Federico Gambarini/ picture alliance/ dpa

Schließen Sie einfach mal kurz die Augen und stellen sich vor, wie es früher war. Die Sonne strahlte, Vögel zwitscherten, und von oben, vom Berge her, rollte ein Schwarzwaldmädel auf dem Fahrrad ins Dorf hinab. Sie trug einen gewaltigen Strohhut, der an einen Käselaib erinnerte, fröhlich wippten ihre Zöpfe, das Lächeln schien in ihrem Gesicht festgewachsen zu sein.

Die Runde am Gartentisch vorm Fachwerkhaus hatte schon gewartet. Großvater, ein schnauzbärtiger Patriarch in Helmut-Kohl-Strickjacke, blickte auf, Mutter und Vater nickten zur Begrüßung, Großmutter brachte Teller aus der Küche.

Und gleich, nachdem das engelhafte Schwarzwaldwesen einen Becher rein pflanzlicher, vitaminreicher Margarine aus seinem Korb nahm und neben Marmelade, Wurstteller und Fünfminuteneier stellte, biss die blonde Enkelin, dieser süße Fratz, bereits herzhaft ins bekömmlich bestrichene Brötchen. Dann hoben sich die Geigen, und ein Chor säuselte: „Rama macht das Frühstück gut“.

Jetzt dürfen Sie wieder die Augen öffnen. So gut wie damals wird es niemals wieder werden. Einen dermaßen vor Harmonie triefenden Fernsehspot, wie er in den siebziger und achtziger Jahren für Ersatzaufstrich warb, würde inzwischen kein Kreativdirektor mehr abnicken.

Kampagnen brauchen heute mehr Realismus, mehr Thrill. Unter blauem Himmel gelächelt wird allenfalls noch ironisch. Dysfunktionalität gehört zur DNA moderner, desintegrierter Gesellschaften. Mit den Clans kamen die Tränen.

Vor jedem Weihnachtsbaum tun sich Abgründe auf

Vielleicht bisse die nicht mehr ganz so süße Enkelin immer noch in Brötchen, aber zwischendurch würde sie heimlich unterm Tisch Klebstoff aus der Tüte schnüffeln. Im Hintergrund könnte ein Onkel als Inkarnation der verschämten neuen Armut nach Pfandflaschen suchen.

Und Opa, endgültig tüddelig geworden, säße im Rollstuhl und würde den Badenweiler Marsch summen. Eine Erinnerung an seine goldene Jugend, die Zeit als SS-Sturmbannführer.

An jedem Frühstückstisch, in jeder Doppelhaushälfte, vor jedem Weihnachtsbaum tun sich Abgründe auf. Die stehende Redewendung für diesen Zustand lautet „Familiengeheimnis“. Stets ist es „dunkel“, immerfort muss es „enthüllt“ werden, in Büchern, Filmen, Reportagen.

Romane, die „Die Frauen von der Purpurküste“ oder „Die Burg am Mondsee“ heißen, werden nur geschrieben, um hineinzuleuchten in solch schwarze Löcher. Um die „tragische Geschichte“ einer alten südfranzösischen Baguetterie, irgendwas mit einem Wehrmachtssoldaten, geht es da. Oder um eine unstandesgemäße Liebe zu einem „Bakteriologen und Insektologen“ im England des 19. Jahrhunderts. Kann sie glücklich enden?

Zuverlässig klärt auch jeder „Star Wars“-Film Herkunftsfragen, in der neuen, neunten Episode die der Jedi-Kriegerin Rey. Wer noch tiefer gräbt, stößt auf den Mann, der in der Tiefkühltruhe seiner verstorbenen Mutter ein tiefgefrorenes Baby fand. „Leiche könnte 50 Jahre alt sein“, vermutet der „Stern“.

Alle glücklichen Familien sind auf ihre eigene Weise unglücklich. Frohes Fest!

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