Kolumne Spiegelstrich : Der Planet Berlin und seine Sprache

Die Hauptstadtpolitiker möchten mit bestimmten Begriffen verschleiern und wichtig sein. Bürokratische Leidenschaft aber ist ein seltenes Glück.

Klaus Brinkbäumer
Die Sprache der Macht: Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem World Economic Forum (WEF) in Davos am 23. Januar.
Die Sprache der Macht: Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem World Economic Forum (WEF) in Davos am 23. Januar.Foto: Fabrice Coffrini/AFP

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Für den Tagesspiegel schreibt er seine wöchentliche Kolumne „Spiegelstrich“ über Sprache und Politik.

Die Bevölkerung des Planeten Bundeshauptstadt spricht anders als die Bewohner anderer Welten. Sie ist stolz auf ihre Sprache, doch manchmal, wenn ertappt, ist sie für Minuten verlegen.

„Oft zeichnet sich die politische Kommunikation in Berlin durch schwer verständliche Begriffe aus“, schreibt mir der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner. Warum ist das so? Weil schwer verständliche Begriffe Macht verschaffen, Kompetenz suggerieren, immerhin bisweilen zur Recht. „Sprachregelung“ und „Zeichnungsleiste“ sind solche Wörter, auch „Rücksprache“, denn was ist „rücksprechen“?

Und was wollen mir  „Progressionsvorbehalt, CO2-Äquivalent, Negativwachstum, Europäische Finanzstabilisierungsfazilität“ sagen, jene Begriffe, die Kellner nennt?

Eingebürgert hat man in Berlin "wtf" ("what the fuck")

Berlins Sprache möchte verschleiern und zugleich gewichtig sein, bürokratische Leidenschaft aber ist ein rares Glück.

Es gibt ganz Harmloses auf diesem Planeten: „Vermerke“ und „Vorlagen“, auch „Leiter 010“ oder „Leiter 011“, gemeint sind Abteilungschefs im „AA“, gemeint ist das Auswärtige Amt. Und der „Chef BK“ wirkt im Kanzleramt.

Es gibt auch Dynamisches: „Evidenz“ ist berlinerisch bedeutend. „Zeitnah“ und „asap“ beschleunigen, scheinbar, Kommunikation und Handlungen. Hamburger Jugendwörter wie „hustlen“ (hart arbeiten, cool bleiben) sind Berliner Erwachsenenwörter, und so manche Mail endet mit digitalen Küsschen: „xx“. Eingebürgert hat der Planet Hauptstadt „wtf“ („what the fuck“).

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

[Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer]

Denn natürlich gibt es Trends: Derzeit sagen erst einer und bald alle, eine strittige Sache sei endlich „geeint“, was Christian Lindner auffiel; „Chapeau“, Lob der neunziger Jahre, feiert ein von niemandem erhofftes Comeback; das „Erinnern“ hat in unserer Hauptstadt sein reflexives „sich“ verloren, was den Redenden markant leuchten lässt: „Ich erinnere all meine Triumphe.“

Anglizismen werden umgetopft: „Am Ende des Tages ist unser Narrativ“… Und alle wollen uns Wählerinnen oder Bürger „abholen“, als wären wir Kinderchen im Bällebad. 

Es gibt, machtbedingt, Vor- und Nachbilder: Will Angela Merkel „auf Sicht fahren“, rollen die Opportunisten hinterher. Weil die Kanzlerin ihre SMS mit „viele grüße am“ beendet, machen‘s nun viele mit kleinen Initialen und ohne Punkte. „bg“ für „beste grüße“, „sg“ für „schöne grüße“ und „lg“ für „liebe grüße“ sind exakt dosierte Steigerungsformen der Berliner Zuneigung, nicht anders natürlich als unten auf der Erde.

Hier wie dort wird mehr geduzt als früher. Sigmar Gabriel übrigens hat, wenn ich richtig informiert bin, den Abschiedsgruß „sg sg“ bislang vermieden.

Was für ein Wort: „Teilhabechancengesetz“

Die Berliner Sprache panscht denkfaul Wörter zusammen, die einander nichts zu sagen haben: „Teilhabechancengesetz“, „Kohlekonsens“. Wenn die „SZ“ hauptstädtisches Plusterdeutsch schreibt: „Kohlekonsens droht zu scheitern“, hat sie’s verdient, dass wir alle mal gucken, was die „FAZ“ so macht. 

Dumm sind die Bewohner des Planeten Berlin aber nicht. Michael Kellner weiß, dass politische Kommunikation „nicht ausgrenzen sollte, sondern einladen und für alle verständlich sein“.

Und tröstlich ist, dass manche Bewohner des Planeten Berlin einst eine Fremdsprache gelernt haben: Deutsch. Sie sprechen sie, wenn sie verreisen.

Angela Merkel sagte in Davos: „Wir sind nicht welche von der Sorte, die den ganzen Tag darüber reden, was bei uns super läuft“, zielte auf Donald Trump, und alle lachten (Merkels Rede sehen Sie an dieser Stelle).

Frank-Walter Steinmeier sprach in Yad Vashem, zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, in so scharfen wie warmen Sätzen aus, was historische Wahrheit ist: „Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche. Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche.“ (Steinmeiers Rede sehen Sie an dieser Stelle). Worte eines Berliner Politikers. Und doch die Worte der Woche.

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